Rory Stewart : "So weit die Knie tragen"

Rory Stewart hat Afghanistan zu Fuß durchquert. Seine Erzählung steht in der Tradition der großen britischen Reiseliteratur.

Rüdiger Schaper

Hoffnungszeichen oder typisch britischer Spleen? Dieser Tage ist bei „Lonely Planet“ ein Reiseführer Afghanistan erschienen, mit umfangreichen Sicherheitshinweisen, wie man sich leicht denken kann. Doch die touristische Rückeroberung des Hippie-Paradieses der Siebziger wird sich auf Dauer nicht aufhalten lassen; in Kabul wurden schon wieder die ersten Wohnmobile gesichtet. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Tourismus und Terrorismus im 21. Jahrhundert sich an zahlreichen Orten einen zähen Kampf liefern werden.

Als Rory Stewart im Winter 2002 – die Taliban waren damals, wie sich gezeigt hat, nur fürs Erste und vorübergehend geschlagen – seinen Marsch durch Afghanistan antritt, hat er einen älteren Reiseführer im Gepäck. Stewart, britischer Diplomat und Schriftsteller, Jahrgang 1973, folgt der Route des legendären Herrschers Babur (1483–1530), der in Indien die Dynastie der Mogule begründete. Ein Nachfahre Dschingis Khans, war Babur ein barbarischer Schlächter, aber auch ein sensibler Naturliebhaber und Poet. Sein Lebensbericht, das „Baburnama“, kennzeichnet für Salman Rushdie die Widersprüche des Islam bis in die heutige Zeit.

Man kann sich Stewart, diesen kleinen, drahtigen, auratischen Mann, als Wahnsinnigen vorstellen. Er hat, nachdem er durch Iran, Pakistan, Nepal und Indien gelaufen ist, Afghanistan zu Fuß durchquert, reichlich tausend Kilometer, im Hochgebirge, zu einer Jahreszeit, die mit ihren Schneestürmen, unpassierbaren Straßen und arktischen Temperaturen wahrscheinlich die Gefahren vergessen lässt, die durch bewaffnete Stammeskrieger, marodierende Banden und versprengte Taliban drohen. Stewart lässt sich nicht vom Weg abbringen, er schlägt Angebote aus, ein Stück im Lastwagen zu fahren, ein Pferd oder einen Esel oder einen Hubschrauber zu besteigen. Stur wie ein Heiliger hält er sich auf den Beinen, seine irrwitzige Entschlossenheit ist sein einziger Schutz. Die Afghanen betrachten ihn als Gespenst. Ein Westler, der nichts verlangt als ein Stück Nahrung und einen Schlafplatz auf dem Boden, der keine Privilegien beansprucht, der sich sprachlich verständigen kann, der gleichsam ohne Visier reist und jede Warnung in den eisigen Wind schlägt – eine solche Erscheinung ist nicht vorgesehen, weder im afghanischen Wertesystem noch anderswo.

Er könne nicht gut erklären, warum er Afghanistan partout zu Fuß durchquert habe, schreibt Stewart in der Einleitung zu seinem Buch „The Places in Between“ (die deutsche Ausgabe erscheint unter dem dämlichen Titel „Soweit die Knie tragen“ und wird auch noch in die Nähe von Hape Kerkelings Wohlstandsflucht auf dem Jakobsweg gerückt). In einem späteren Kapitel denkt der in Hongkong geborene, in Malaysia und Vietnam aufgewachsene Schotte über die Verbindung von Wandern und Tanzen nach. So ging es schon Johann Gottfried Seume, der 1802 von Sachsen nach Syrakus auf Sizilien spazierte; just because. Wenn Reisen nicht nur Abenteuer ist, sondern zu etwas Existenziellem wird, zu Poesie, liegt die Erklärung auf dem Weg.

In Jam, mitten in Afghanistan, in den Bergen, am Ende eines Tals, steht ein ebenso gewaltiges wie elegantes Minarett, einsam wie ein Findling. Die Gegend ist unerforscht, und sie hat immer wieder Reisende angezogen. Stewart besteigt den Turm, er bricht sich fast den Hals, und man bekommt plötzlich eine Ahnung, was ihn treibt. Jam ist das Ende der Welt – und ein magischer Anfang. Dreißig Jahre zuvor hat sich der junge Bruce Chatwin hier herumgetrieben, in Begleitung des Gelehrten Peter Levi. Und plötzlich ist auch Rory Stewart mit seinem exquisiten Bericht nicht mehr allein.

Einige der großartigsten Beispiele für Reiseliteratur, die diesen Namen verdient, kreisen um diese verlassene Weltgegend. Afghanistan, das Sehnsuchtsland der Briten, die hier mit ihrer Kolonialmacht an eine unüberwindbare Grenze gekommen waren. Robert Byrons „Der Weg nach Oxiana“ (1933 erschienen, ein von Christian Kracht hoch verehrtes Buch), Eric Newbys „Ein Spaziergang am Hindukusch“ (1958) und schließlich Peter Levis „Im Garten des Lichts“ (1972) sind Meisterwerke, mit denen Rory Stewart in stummem Dialog steht.

Anfangs, ab Herat, begleiten ihn noch ein paar Männer mit Kalaschnikows. Es gelingt ihm, sie abzuschütteln. Bald sind auch die Empfehlungsschreiben wertlos, die ihm von Warlords aufgedrängt wurden. Er liest einen Hund auf, ein scheues, aber gutmütiges Monster, Stewart nennt ihn Babur. Für ein „unreines“ Tier in islamischen Dörfern Wasser und Nahrung zu finden, stellt den Wanderer vor kaum lösbare Probleme. Babur wird zur Belastung, und er wird seinem seltsamen Herren in einer Schneeverwehung das Leben retten. Stewart beschreibt solche dramatischen Episoden mit herzzerreißendem Understatement. Der Held seines Buchs ist nicht Mister Rory selbst, es ist das Land, Afghanistan, seine endlos unglückliche Geschichte und brutale Schönheit, ihr gilt alle Aufmerksamkeit.

Ein psychedelischer Trip – aber die Drogen sind Hunger, Erschöpfung und die Ungewissheit Abend für Abend, wohin der Weg am andern Morgen führen wird. Mit Babur, dem großen Mogul, mit Babur, dem Hund im Schlepptau. Babur, und da bricht am Ende doch die Emotion hervor, Furcht und Trauer, wird die Reise nicht überleben. Das Tier, ausgemergelt und todmüde, fährt das letzte Stück nach Kabul mit dem Wagen. Dort wird er aufgepäppelt – und stirbt an der Fürsorglichkeit von Stewarts Freunden, die ihm einen Knochen zu fressen geben. Ein Hund in Afghanistan ist nichts Gutes gewöhnt, da geht es der Kreatur nicht anders als den Menschen. Sie verträgt die anständige Behandlung nicht, die Liebe.

Die Geschichte von Baburs Ende könnte fürchterlicher und symbolischer nicht sein. Stewart legt nahe, dass die Hilfe des Westens für Afghanistan fatale Wirkung haben kann – wenn Traditionen nicht beachtet werden, und mögen sie dem Fremden noch so absurd und mittelalterlich erscheinen. Starre westliche Standards schaffen keinen Frieden, und das gilt nicht nur für Afghanistan.

Stewart schrieb das Afghanistan-Buch in Schottland, es wurde zum Bestseller. Später kehrte er in den diplomatischen Dienst zurück, als Verwaltungsbeamter im Süden des Irak, bald nach der Invasion. Von dieser Zeit erzählt sein zweites Buch, „The Prince of the Marshes and Other Occupational Hazards of a Year in Iraq“.

Rory Stewart kann man sich als Menschen aus einer anderen Zeit vorstellen; nobel, hoch gebildet, mit den vollendeten Manieren eines britischen Kolonialoffiziers, und Gentleman, der sich von einer fremden Kultur überwältigen lässt, ohne dass er ein romantischer Schwärmer wäre. Er ist jetzt wieder in Kabul, lebt in einem alten Fort, als Gründer und Geschäftsführer der „Turquoise Mountain Foundation“. Afghanisches Kunsthandwerk, Kalligrafie und Architektur werden hier wiederbelebt, mit bestem zeitgenössischen Know-how und einem internationalen Netzwerk, das Stewart aufgebaut hat. Eine schöne Form von Verrücktheit.

Gäste empfängt und bewirtet er mit ausgesuchter Höflichkeit, das Wunder der Stewart’schen Bauhütte verbindet sich sogleich mit seinen Büchern. Man begreift in diesem Kabuler Paradiesgarten, dass Gefahr und Sicherheit höchst subjektive Kategorien sind. Dass die Taliban siegen werden, wenn die Angst siegt.

Rory Stewart: So weit die Knie tragen. Mein Fußmarsch durch Afghanistan.
Aus dem Englischen von Giò Waeckerlin Induni. Malik Verlag, München 2007. 400 Seiten, 22,90 €.

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