Literatur : Rosenbeetkrieg

„Hallo“ zu sagen statt „Alles klar“ gilt schon als „schwul“ David Mitchell erzählt vom Drama der Pubertät

Verena Friederike Hasel

Der 13-jährige Stotterer Jason Taylor ringt um Anerkennung bei den harten Jungs seiner Schule. Heimlich aber schreibt er Gedichte und träumt davon, Mädchen zu küssen. David Mitchells vierter Roman „Der dreizehnte Monat“, letztes Jahr für den Booker Preis nominiert, erzählt von 13 Monaten in Black Swan Green im englischen Worcestershire in den frühen Achtzigern, als die Talking Heads „Once in a Lifetime“ sangen und Margaret Thatcher die Truppen auf die Falklandinseln schickte.

Gesprengt wird diese Begrenzung davon, wie Mitchell die Identitätssuche seines Ich-Erzählers darstellt: Dem Jungen wohnen mehrere Stimmen inne. Ganz schwärmerischer Knabe ist er in seinem Hang zu Aperçus („Hass riecht nach abgebrannten Feuerwerkraketen“) und ein Rabauke, wenn er im Wald die Hosen herunterlässt: „Es ist geil, wie ein Höhlenmensch in der freien Natur zu scheißen.“

Das ist insofern schlüssig, als der 13-jährige Jason nach einer eigenen Sprache sucht. Am gelungensten sind die Passagen, in denen sich der mitunter allzu altkluge Ich-Erzähler jeder Erläuterung enthält, etwa wenn man erfährt, dass in der Jungswelt mit ihrem strengen Codex, ein „Hallo“ im Gegensatz zum lässigen „Alles klar“ schon als „schwul“ gilt.

Dass der gehemmte Jason seine Zuflucht im Schreiben von Gedichten sucht, liegt nahe – Kunst als Sublimierung. Ebenso leicht nachzuvollziehen wie die Persönlichkeit der Hauptfigur ist auch der gesamte Plot, sein Aufbau ist simpel, die Symbolik klar: So wird der Zank der Eltern um einen Steingarten neben dem Rosenbeet mit dem Kampf um die Falklandinseln parallelisiert.

Mit dieser Deutlichkeit tut Mitchell seiner Geschichte keinen Gefallen – und er hält auch nicht die Subjektivität eines 13-Jährigen durch: Immer wieder mischt sich eine erwachsene Sicht auf die Dinge ein: „Ich merke, dass alles, was ich nicht ausspreche, in mir fault wie schimmlige Kartoffeln in einem Sack“, lässt David Mitchell Jason sagen. Dass es ihm hier und andernorts nicht immer glückt, auf Augenhöhe mit seinem Helden zu bleiben, liegt womöglich an der autobiografischen Färbung des Romans: Auch er selbst stammt aus Worcestershire, war 1982 13 Jahre alt und stotterte. Streckenweise wirkt „Der dreizehnte Monat“ denn auch wie der nachträgliche Versuch, die eigene Pubertät zu analysieren.

Besonders deutlich wird dies gegen Ende des Romans. Im Spiegelkabinett eines Jahrmarkts begegnet Jason verschiedenen Reflexionen seiner selbst. Eine fragt ihn: „Wie wäre es mit einem äußeren Ich, das zugleich dein inneres Ich ist? Ein einziges Ich.“ So sprechen nur Erwachsene. Verena Friederike Hasel

David Mitchell:

Der dreizehnte Monat. Roman. Aus dem

Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007. 496 Seiten, 19,90 €.

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