Runder Raki : "Städte aus Frauen"

Murathan Mungans „Städte aus Frauen“ ist eine Hommage an die starken Frauen der türkischen Moderne und ihre Einsamkeiten.

Jean-Michel Berg

Asli ist Enthüllungsjournalistin, die in der kurdischen Großstadt Diyarbakir über jugendliche Taschendiebe recherchiert. Bei der Recherche wird ihr die Handtasche mitsamt ihren Aufzeichnungen gestohlen. Als sie bei der Polizei Anzeige erstattet, trifft sie zufällig ihre Jugendfreundin Birsen. Für Momente erwachen die Erinnerungen an die Urlaube in Çorum zum Leben, doch die Freude des Wiedersehens verfliegt rasch. Birsens Mann ist Mitglied einer Anti-Terror-Einheit, sie gehören zum türkischen Establishment und verachten Kurden. Dass Asli für linke Zeitungen schreibt, kann sie nicht verstehen. Und Asli versteht nicht, dass Birsen eine furchtsame Hausfrau geworden ist. Fremd gehen sie auseinander.

Murathan Mungans „Städte aus Frauen“ ist eine Hommage an die starken Frauen der türkischen Moderne und ihre Einsamkeiten. Der nach „Tschador“ inzwischen zweite ins Deutsche übertragene Roman des 1955 geborenen Autors, der wochenlang auf Platz eins der türkischen Bestsellerliste stand, erzählt von sechzehn Frauen, von selbstständigen Frauen, die Wirtschaftswissenschaften studiert oder im Ausland gelebt haben. Sie lesen Flauberts Roman „Madame Bovary“ und Patricia Cornwell, an ihren Wänden hängen Bilder von Henry Rousseau oder auch Che Guevara. Aber sie haben sich von der eigenen Familie entfremdet, sind unverheiratet oder schon wieder geschieden. Auch die Tradition, eine magische, eine grausame Welt, bricht in diese verwestlichen Lebensläufe immer wieder ein. Murathan Mungans Frauen schwanken zwischen den Popsongs einer Britney Spears und schmachtenden türkischen Liebesliedern, die die Weinberge von Tokat besingen.

Zwischen Pop und Schmalz schwankt auch Murathan Mungans Roman. Da gibt es so wunderbar schräge Figuren wie die umherziehende Hayat und ihre Weisheiten: „Große Frauen sind auf der Straße gut, kleine Frauen im Bett!“ Und daneben steht dann wieder Prosa, die sich liest, als sei sie direkt aus einer Modezeitschrift abgeschrieben: „Mit einer Sonnenbrille im Sixties-Look und bunten Modeschmuckarmreifen wurde die Erscheinung abgerundet.“ Keine ganz runde Sache also, aber wer bei Türken und ihrem Land eher an Kopftücher, Raki und Döner Kebab denkt, kann hier ohne weit zu reisen einiges von der anderen Türkei lernen.

Murathan Mungan:

Städte aus Frauen.

Roman. Aus dem

Türkischen von

Gerhard Meier.

Blumenbar, Berlin 2010. 350 S., 21,90 €.

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