Russische Dichtung : Der Autor lebt

Gedichte voll ernster und cleverer Dümmlichkeit. - Zum Tod des russischen Dichters Dmitrij Prigow.

Oleg Jurjew

Erstmals habe ich seinen Namen vor 25 Jahren gehört: Viktor Kriwulin, eine der Größen der damaligen „inoffiziellen Leningrader Literaturszene“, hatte aus Moskau „Gedichte von einem Maler, der jetzt recht in Mode ist“ mitgebracht und las sie bei uns zu Hause vor, den Atem anhaltend vor lauter Lachkrämpfen, fast stotternd. Auch die Gedichte über den Milizionär (umgangssprachlich „Milizanér“), die später zur Visitenkarte Prigows geworden sind. Ich war damals nicht so begeistert wie Kriwulin: Anfang der achtziger Jahre verbreitete sich in der inoffiziellen und auch in der offiziellen sowjetischen Poesie rasch eine etwas eintönige „ironisierende Richtung“. Prigows Gedichte schienen mir dazuzugehören. Sie waren aber anders, diese Gedichte, habe ich später gemerkt. Weil in ihnen eine ernste und clevere Dümmlichkeit steckte.

Später trafen wir, Olga Martynova und ich, Dmitrij Prigow bei verschiedenen zunächst inoffiziellen, dann, mit dem Anmarsch der Perestroika, öffentlichen Lesungen und konnten nicht nur die Milizanér-Gedichte wieder bewundern, sondern auch seine darstellenden Künste – Singen, Tanzen, Schreien usw. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre war Prigow als Inbegriff des postsowjetischen Avantgardismus im deutschsprachigen Raum besonders beliebt. Wenn er in der Gegend war, besuchte er uns ab und zu in Frankfurt. Unsere Bekannschaft war nicht tief, aber herzlich. Er war ein korrekter, netter, liebenswürdiger und intelligenter Mensch, und er war keineswegs zynisch.

Seine Erfolge, seine Art, immer wieder doppeldeutige Scherze zu machen, seine Omnipräsenz und Omnipotenz verschafften ihm die Ruf eines lustigen Karrieristen, eines talentierten Kulturhalunken, für den nichts Heiliges, nichts Ernstes auf der Welt existiere. Eines „Postmodernisten“ eben. Ich bin überzeugt, dass Prigow – und das ist eine sehr russische Eigenschaft! – alles sehr ernst meinte.

Nachdem er einst den Glauben an den Tod des Autors, an das Ende des textorientierten Universums gefunden hatte, begann er, als eine Art geweihter Priester, einen ewigen Dienst an die Postmoderne zu verrichten. Jene aus dem Französischen importierte Kulturphilosophie war ab 1980 eine der Grundlagen des Moskauer Konzeptualismus und der Soz-Art (Sozialismus plus Pop-Art), in den neunziger Jahren wurde sie beinahe zur Ideologie der Kultureliten des Jelzin-Moskau. „Ich bin kein Dichter“, sagte er, „ich bin das multimediale Projekt ,Dmitrij Alexandrowitsch Prigow’“. Kurz vor seinem Tod plante er, 66-jährig, sich von einer Aktionskünstlergruppe zum 22. Stockwerk eines Moskauer Wohnheims – auf einem Schrank sitzend – hochseilen zu lassen. An der Außenwand, versteht sich.

Der öffentliche Mensch Prigow war sein Hauptwerk geworden. Als gelernter Bildhauer hatte er sein Leben zum Gesamtkunstwerk geformt, und er glaubte, dass das Künstlersein nur so zeitgemäß sei. Für alle anderen Methoden, die er mit unbegrenzter Toleranz beobachtete, hatte er nur ein Lächeln übrig. Das war liebenswürdig, weil ehrlich und nicht aggressiv.

Er glaubte also, dass der Autor tot sei. Jetzt ist er selbst tot. Wie bitter das auch ist. Nicht nur die Medien, die ganze russische literarische Bloggersphäre beweint seinen Tod, zitiert seine Gedichte, erinnert sich an ihn. Die Erinnerungen an seine Auftritte werden mit den Jahren schwächer werden, die Ausstellungen demontiert, die Installationen deinstalliert.

Was also bleibt noch vom „multimedialen Projekt ,Dmitrij Alexandrowitsch Prigow’“? Diese kurzen Gedichte über den „Milizaner“, über Reagan, über die Kulikow-Schlacht und über vieles andere bleiben im Gedächtnis von sehr vielen Russen, die darüber lachen und sich freuen. Das werden sie auch weiter tun. Definitiv.

Es bleibt also der Autor Dmitrij Prigow. Der tot sein sollte, aber leben wird. Egal was Roland Barthes und Michel Foucault dazu meinten.

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