Sachbuch : In jedem Baby steckt ein Boss

Kinder im Kapitalismus: Die Jungjournalistin Julia Friedrichs hat ein Buch über den Elitewahn geschrieben.

Jens Müller

Am Sonntag erst war im „Tatort“ eine Frau zu sehen, die sich im Ehebett prostituiert, um ihre Tochter auf ein teures Internat schicken zu können. In Berlin, wo die Grundschule normalerweise sechs Jahre dauert, kämpfen Eltern für ihre Kinder erbittert um die begrenzten Plätze an Gymnasien, die bereits mit der fünften Klasse beginnen. Der Regierende Bürgermeister der Stadt hat einmal erklärt, er würde seine Kinder nicht in Kreuzberg zur Schule schicken. Die Zukunftsangst des Mittelstands ist groß, am größten ist die Angst um die Zukunft der eigenen Kinder. Die Gesellschaftsschere öffnet sich – wer nicht abrutschen will, muss sich nach oben orientieren. An der Elite.

Eine, die das nicht wollte, ist die 28-jährige Journalistin Julia Friedrichs. Im Sommer 2005 hatte sie sich bei der Unternehmensberatung McKinsey beworben. „Wir wählen Eliten aus“, hatten die Berater behauptet. Und sie hatten Julia Friedrichs ausgewählt. Die lehnte – nach kurzem Zögern – ab und schrieb für die „Zeit“ ihren viel beachteten McKinsey-Report. Das Wort Elite ließ sie auch danach nicht mehr los. „War es nicht mit ,Führer’ und ,Rasse’ untergegangen?“, fragte sie sich. Gerhard Schröder aber, der nach langen schwarzgelben Jahren erste sozialdemokratische Bundeskanzler, hatte in seiner ersten Regierungserklärung gesagt: „Auch unsere demokratische Gesellschaft braucht Eliten.“ Ein nicht mehr gesellschaftsfähiger Begriff wird ausgerechnet von seinem quasi natürlichen Feind rehabilitiert? Das war einfach zu schön. Julia Friedrichs hatte ihr Thema gefunden, sie blieb ihm treu, in mehreren Fernsehbeiträgen und jetzt auch in einer Buchveröffentlichung: „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“.

Immer wieder verließ Friedrichs für ihre Recherchen die Kreuzberger WG, in der sie seit vier Jahren lebt, inzwischen mit sechs Mitbewohnern. Zum Jahreswechsel haben sie neue Räume bezogen, aus dem alten Loft mussten sie raus, wollten aber unbedingt zusammenbleiben. Alles sieht noch sehr provisorisch aus: Die letzten Zwischenwände werden eingezogen, Kartons stehen herum. Von hier aus reiste Friedrichs zwei Jahre lang durchs Land, zu all den noblen Adressen deutscher Bildungseinrichtungen, die sich als Eliteschmieden verstehen. Ihr Bildungsweg führte sie etwa in den Kindergarten Villa Ritz in Potsdam (ab 980 Euro im Monat), zu bilingualen privaten Grundschulen, zu den Elite-Internaten Schloss Neubeuern und Salem (jeweils rund 30 000 Euro pro Jahr), an die EBS European Business School und die WHU Otto Beisheim School of Management (jeweils rund 5000 Euro pro Semester). Julia Friedrichs lernte eine andere Welt kennen. Ihre eigene Herkunft nennt sie „linke Bundesrepublik, normale Mittelschicht“. Die Eltern sind Lehrer, sie besuchte die örtliche Grundschule, dann das Gymnasium ihrer münsterländischen Heimatstadt – „da gab’s nur eins“ – und schließlich die Uni Dortmund.

Aus Sicht der Elite hingegen scheint es zu einem privaten Wirtschaftsstudium und den Berufszielen Unternehmensberater und Investmentbanker kaum eine sinnvolle Alternative zu geben. An den entsprechenden Bildungseinrichtungen wird, wie Friedrichs herausfand, gerne das Wort von der „Vorbildelite“ oder „Verantwortungselite“ bemüht, nur selten ist die Rede von einer „Leistungselite“. Kein Wunder: Die akademischen Leistungen der Schüler in den Internaten sind nicht besser als anderswo. Das Elite-Internat Neubeuern scheint sogar so etwas wie die letzte Zuflucht derer zu sein, die an staatlichen Gymnasien keine Aussicht auf ein Abitur haben. Und an der EBS kann im Einstufungstest schon eine Note von 3,7 für die Aufnahme genügen. Was den hier versammelten Nachwuchs eint, ist vor allem die Exzellenz seiner finanziellen Ressourcen. Aber „Vorbildelite“ klingt natürlich besser als Geldelite. Christopher Jahns, Rektor der EBS, bringt es auf den Punkt: „Die Klassenbesten gehen woanders hin, die Klassensprecher sind bei uns an der EBS.“

Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Elite für sich einen gesellschaftlichen Führungsanspruch geltend macht, hat Julia Friedrichs verblüfft. Sie ärgert sich darüber, „dass sich Leute einfach rausziehen aus dem System und für ihre Kinder gegen Geld bessere Bedingungen kaufen“. Da gehe etwas kaputt, „nämlich eine Grundsolidarität, der Grundgedanke, dass jeder erst einmal das Anrecht auf die gleiche Bildung hat“.

Auch jetzt, nach der Buchveröffentlichung, ist sie mit dem Elite-Thema noch nicht durch. „Ich denke, das wird mich weiter beschäftigen“, sagt Friedrichs. Gerade der Umgang mit Kleinkindern nehme derzeit erstaunliche Formen an. In diese Richtung wolle sie weiter recherchieren.

Der Anfang dafür ist bereits gemacht. In Steglitz besuchte Friedrichs die Berliner Filiale der amerikanischen Bildungskette „FasTracKids“. Eine Mutter, die für die Förderung ihrer beiden Söhne jeden Monat mehr als 1000 Euro ausgibt, erklärte ihr: „Hier werden die Kinder auch rhetorisch fit gemacht. Sie lernen Präsentationsformen, die ihnen später nützen werden.“ Die Jüngsten bei „FasTracKids“ sind gerade mal zwei Jahre alt – aber in jedem Hosenscheißer steckt nun mal ein potenzieller Investmentbanker. Früh übt sich, wer zur Elite gehören will. Wer mit dem Training wartet, bis die Kinder stubenrein sind, könnte den Anschluss bereits verpasst haben.

Als Journalistin hat Julia Friedrichs in ihrem Metier einiges erreicht. Für ihre Fernsehreportagen wurde sie mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet, jetzt veröffentlicht sie ein Buch. Auf die Frage, ob sie selbst Teil der Elite sei, antwortet sie – ganz schnell, ohne jedes Zögern: „Auf gar keinen Fall!“ Dabei ist es nicht so, dass sie die jungen Karrieristen, denen sie auf ihrer Reise begegnet ist, verachtet: „Da kommt eine geringe Lebenserfahrung mit einem geringen Lebensalter zusammen“, sagt sie. Wer den Vertretern der Vorbildelite nicht in die Augen gesehen hat, sondern sie nur durch ihre im Buch wiedergegebenen Aussagen kennenlernt, muss so viel Verständnis nicht aufbringen.

Julia Friedrichs: „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen.“ Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 17,95 Euro. Bei der Buchpräsentation (heute, 20 Uhr, „Festsaal Kreuzberg“, Skalitzer Str. 130) diskutiert Friedrichs mit dem Elitenforscher Michael Hartmann, dem SPD-Abgeordneten Johannes Kahrs und „Zeitmagazin Leben“-Chef Christoph Amend.

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