Sachbuch : Wir Gutkrieger

Für Gernot Erler geht sie auf "Mission Weltfrieden", für Eric Chauvistré ist sie zum Scheitern verurteilt: die Bundeswehr im Ausland.

Thomas Speckmann
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Generation Auslandseinsatz. Ein Bundeswehrsoldat mit den Abzeichen der Afghanistan-Mission. -Foto: dpa

Dieses Buch ist eine Abrechnung. Hat es sich in Deutschland zu einem Volkssport entwickelt, über die Militärinterventionen anderer Mächte zu Gericht zu sitzen, so hält der Berliner Journalist Eric Chauvistré seinen Landsleuten nun selbst den Spiegel vor. Anschauungsmaterial gibt es dafür mehr als genug: Derzeit beteiligt sich die Bundeswehr an acht Missionen auf drei Kontinenten und zwei Weltmeeren. Kaum eine Sitzungswoche des Bundestages verstreicht, in der keine Verlängerung eines der vielen Einsätze auf der Tagesordnung steht. Das Engagement im Kosovo dauert bereits ein Jahrzehnt, die Intervention in Afghanistan länger als der Zweite Weltkrieg. Wer heute in Deutschland ins Erwachsenenalter eintritt, kennt nur eine Bundeswehr, die in ferne Länder entsandt wird. Der Generation Golf folgt die Generation Auslandseinsatz.

Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet SPD und Grüne, Anfang der neunziger Jahre der Entsendung deutscher Streitkräfte ins Ausland noch äußerst abgeneigt, initiierten ab 1998 die umfangreichsten Operationen – mit fatalen Folgen. Der Kosovofeldzug ist bis heute völkerrechtlich umstritten. Mit der stetigen Ausweitung des Isaf-Einsatzes in Afghanistan beteiligt sich die Bundeswehr an einem Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist. Nach dem Tod dreier Soldaten in einem Flussbett bei Kundus in der vergangenen Woche sprach Verteidigungsminister Franz Josef Jung von „Gefallenen“.

Die Bilanz der deutschen Auslandseinsätze fällt nach Chauvistrés überaus anschaulicher Analyse ähnlich desaströs aus wie die in Deutschland vielgescholtenen Interventionen der Amerikaner: Beim ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovokrieg war es das erklärte Ziel der rot-grünen Bundesregierung, die ethnischen Säuberungen zu beenden und die kosovarische Bevölkerung gegen gewaltsame Übergriffe zu schützen. Das gelang nicht, die serbischen Truppen wurden kaum ernsthaft getroffen. Auch in der folgenden Phase des Einsatzes konnte die Bundeswehr die ihr übertragenen Ziele nicht erreichen: Mit ihrer Beteiligung an der KFOR-Truppe sollte der Aufbau einer friedlichen Gesellschaft im Kosovo ermöglicht werden. Doch heute gibt es in dem von der Bundeswehr überwachten Gebiet im Süden kaum noch Angehörige ethnischer Minderheiten zu schützen. Deutsche Soldaten und ihre Verbündeten konnten nicht verhindern, dass Serben und Roma vertrieben wurden. Nun ist das Kosovo faktisch zweigeteilt.

Wie ambitioniert und unrealistisch oftmals die Ziele sind, deren Umsetzung Berlin der Bundeswehr aufträgt, dekliniert Chauvistré am Fall Afghanistan durch: Die Mission begann mit dem bescheidenen Auftrag, Gebäude und Personal der Vereinten Nationen und internationaler Hilfsorganisationen in Kabul zu schützen. Auch der neuen afghanischen Regierung sollte Schutz gewährt werden. Das erste Mandat des Bundestages umfasst einen Zeitraum von sechs Monaten und machte die Bundeswehr zu einer Art gut ausgestatteten Objektschutz für die Hauptstadt eines vom Krieg zerstörten Landes.

Doch aus sechs Monaten wurden zwölf. Dann entwickelten sich die jährliche Verlängerung des Einsatzes und seine Ausdehnung zur Routine: Von Kabul aus zogen deutsche Soldaten in die Provinz, richteten in Masar-i-Scharif einen Flugplatz her, fuhren zwischen ihren Außenposten in Kundus und Faisabad Patrouille, wobei sie von Monat zu Monat stärker unter Beschuss von Aufständischen gerieten. Derzeit wird von regelrechten Gefechten berichtet. Dabei hat sich am Auftrag der Bundeswehr formell nichts geändert. Das Mandat zur Unterstützung der afghanischen Regierung wird lediglich uminterpretiert: Statt Objektschutz in der Hauptstadt lautet der Auftrag nun, der afghanischen Regierung die Kontrolle über das ganze Land zu sichern. Ein Auftrag, der kaum durchführbar scheint, zu gering sind die eingesetzten Mittel, zu stark der Gegner mit seinen Rückzugsräumen in Pakistan.

Wie hingegen ein „erfolgreicher“ Einsatz der Bundeswehr verläuft, demonstriert Chauvistré anhand der Kongo- Mission 2006. In den Augen der Befürworter einer „Armee im Einsatz“, wie die Bundeswehr im aktuellen Weißbuch der Bundesregierung genannt wird, war es eine Operation wie im Lehrbuch: kurze Vorbereitungszeit, kleines Kontingent, Unterstützungstruppen im Hintergrund, überschaubarer Zeitraum. Auf dem Papier war die Mission ein voller Erfolg. Statt ständig steigender Ansprüche wie in Afghanistan verfolgte Berlin im Kongo keine höheren Ambitionen. Die deutschen Soldaten sollten sich vier Monate lang auf dem Flughafen von Kinshasa einrichten, Fluchtwege aus der Stadt erkunden und sich vor allem nicht unbeliebt machen. Chauvistrés treffendes Urteil: „Damit war die Bundeswehr erfolgreich. Nur dem Land hat es nicht wirklich etwas gebracht.“

Was ist die Alternative zu dieser Art von Interventionspolitik? Es gibt oft keine, könnte zugespitzt die Antwort von Gernot Erler lauten. Zwar gibt der Staatsminister im Auswärtigen Amt zu, dass es Friedensmissionen gegeben hat, die scheiterten und daher abgebrochen wurden. Aber am Hindukusch könne man sich das nicht vorstellen. Eine Niederlage gegen die Taliban würden die Vertreter der neuen Ordnung in Kabul einem westlichen Verrat zuschreiben, mit schwer absehbaren Folgen für die Glaubwürdigkeit der gesamten Weltgemeinschaft.

Also Töten und Sterben aus Solidarität? Als reiner Altruist gibt sich Erler nicht: Die Rückkehr der Taliban böte dem international agierenden Netzwerkterrorismus einen sicheren Hafen, von dem er ungestört seine Attacken quer über den Globus vorbereiten könnte. Das wäre eine Potenzierung der Bedrohung, wie sie heute kontinuierlich von Al Qaida ausgehe. Das bedeutet für Erler aber nicht, dass Deutschland in eine Mission ohne Ende verstrickt ist. Vielmehr will er die neue afghanische Führung in die Lage versetzen, sich selbst zu verteidigen. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht in seinem Vorwort von Sicherheit und wirtschaftlicher Entwicklung, weniger von Demokratie und westlichen Werten.

In dieser Hinsicht scheint der Titel von Erlers Buch überholt: „Mission Weltfrieden.“ Von derlei hochgesteckten Zielen haben sich die Amerikaner – von Deutschen gerne als „Missionare“ verspottet – bereits in der zweiten Amtszeit von George W. Bush verabschiedet. Barack Obama ist froh, wenn er wenigstens „Stabilität“ im Irak und in Afghanistan erreichen kann. Die einzig verbliebene Supermacht hat die Grenzen ihrer Macht erkannt. Wird Deutschland ihr folgen? Chauvistrés schonungslose Analyse leistet Berlin wertvolle Hilfestellung. Es ist sein großes Verdienst, das Engagement der Bundeswehr im Ausland nüchtern und sachlich an den Ergebnissen der Einsätze und nicht allein an Deutschlands guten Absichten zu messen. Oder wie er selbst mahnt: „Die Effektivität zählt, nicht die Intention.“

Eric Chauvistré: Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009. 188 Seiten, 17,90 Euro.

Gernot Erler: Mission Weltfrieden. Deutschlands neue Rolle in der Weltpolitik. Mit einem Vorwort von Frank-Walter Steinmeier. Herder Verlag, Freiburg 2009. 260 Seiten, 19,95 Euro.

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