Literatur : Sänger des Untergangs

Der große amerikanische Dichter Robinson Jeffers in einer Neuedition seiner Übersetzerin Eva Hesse

Volker Sielaff

Vielfach waren die Vorwürfe, denen der Dichter sich zeitlebens ausgesetzt sah. Mangelnder Patriotismus war nicht einmal der schlimmste. Und es stimmt ja: Als Amerika sich 1948 noch im Siegestaumel befand, warnte Robinson Jeffers im Gedichtband „The Double Axe and Other Poems“ seine Landsleute vor weiteren Kriegen, wenn es Amerika nicht gelingen würde, seinen Weltrettungseifer zu revidieren. Doch nicht das war es, was Jeffers’ literarische Reputation schmälerte, sondern der lange Schatten einer Bewegung namens „New Criticism“, die in der Literaturwissenschaft bald den Ton angab. In den fünfziger Jahren wurden Jeffers’ Bearbeitungen griechischer Tragödien noch mit Erfolg am Broadway gespielt. Der Mann galt als Einsiedler unter den Dichtern, aber sein Ruf hatte bis dahin kaum Schaden genommen. Das sollte sich jetzt ändern.

Antimodern mag er auf die „New Critics“ gewirkt haben, zumal er dafür plädierte, dass die Sprache der Dichter „wieder direkt und natürlich“ sein solle. Für den Bildungsbombast seiner Zeitgenossen hatte Jeffers nur Spott übrig. Ihm ging es um die großen und letzten Fragen der Menschheit. Und weil er von seinen Kollegen verlangte, sie sollten doch bitte ihre „Selbstverliebtheit und alberne Gelehrsamkeit“ hinter sich lassen, erregte er deren gesammelten Zorn.

Jeffers’ deutsche Übersetzerin Eva Hesse (die fast den gesamten Ezra Pound übertragen hat und deutschen Lesern auch T. S. Eliot und E. E. Cummings nahebrachte) zählt in ihrem klugen, den Rahmen eines Nachworts sprengenden Essay einige Attacken auf, die sich noch zu Lebzeiten gegen den Dichter richteten. Man fand ihn abgeschmackt oder nannte seine Texte „prätentiösen Schund“. Die Essayistin und Übersetzerin Eva Hesse (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Künstlerin) fragt auch nach Gründen für die magere Rezeptionsgeschichte dieses fulminanten poetischen Werks im deutschsprachigen Raum. Die einzige, heute vergriffene Jeffers-Ausgabe erschien 1984 in einem Passauer Verlag.

Robinson Jeffers lernte bereits als Kind Griechisch, Hebräisch und Latein, so dass er sich früh an klassischen Versmaßen schulen konnte. Von dorther, wie vom Rhythmus der Meereswellen, den er seit seiner Ansiedlung in Kalifornien täglich hören konnte, rühren seine weit ausschwingenden Zeilen und die glitzernde Klarheit seiner oft mit blutrünstigen Fabeln aufgeladenen Gedichte. Doch ist auch eine große Schönheit in den Versen dieses Mannes, der glaubte, dass das Universum letztlich ein Wesen sei, und sich als eine Art Pantheist verstand. Es ist der Übersetzerin zu danken, dass „der Phosphorglanz der/ Fisch-Schwärme“ im Monddunkel oder die „paar milchblauen Lichtlachen im Nachtpurpur der See“ in der Übersetzung ebenso eindrucksvoll schimmern wie im Original.

Nichts an dieser Dichtung wirkt gespreizt, weil sich ihr Pathos stets mit konkreter Erfahrung mischt. Schlimmstenfalls rutscht der Autor ins Traktathafte ab, wenn seine Botschaft einmal nicht geerdet ist. Dann zeigen sich jene Schwächen, die seinen Kritikern nicht unbemerkt blieben. Woher aber die Ausgrenzung? Hesse glaubt gar, die „Züge einer absonderlichen Verdrängung“ darin zu erblicken, und sieht in einem Verdikt Gottfried Benns, der Jeffers’ Gedichte „zu moralisierend, zu politisch-pazifistisch, zu pastoral“ fand, die Ursache dafür. An Benn allein kann es nicht gelegen haben: Wollte man Jeffers seinen poetischen Realismus und sein Interesse an Sinnfragen vorwerfen, könnte man Benn genauso gut dessen Nihilismus und Ästhetizismus ankreiden.

Robinson Jeffers ist ein naiver Dichter im Schiller’schen Sinn. Und er war das, was man heute einen Aussteiger nennen würde. Im Jahre 1919 zog er sich mit seiner Frau Unna in tiefer Abscheu vor der Zivilisation in das später von ihm so genannte „Tor House“ zurück, ein vorwiegend von ihm selbst erbautes Haus aus Natursteinen an der noch recht unberührten Küste Kaliforniens. Jeffers war noch vor Henry Miller oder Clint Eastwood in Carmel. Am Anfang hatten Unna und er weder Strom noch Gas und Telefon. Erst in den zwanziger Jahren kam ein Turm dazu, der „Hawk Tower“, benannt nach einem Habicht, der sich während der Bauarbeiten darauf niederzulassen pflegte. Jeffers wollte wohl sein Leben verlangsamen: „Ihr, die ihr hastet, beschleunigt nur den Verfall“, heißt es in einem Gedicht.

Menschen tauchen selten in seinen Gedichten auf, und wenn doch, dann sind es Fischer. Oder mythische Personen; Kassandra, Phädra, Medea. Dafür gibt es viele Sterne, Milchstraßen, kosmische Staubwehen. Oder die zerklüftete kalifornische Küste. Und Vögel. Viele Vögel. Verletzte Habichte, mörderische Falken, kühne Adler, jagende Rotfalken. Fels und Falke wurden zu Leitmotiven seiner Dichtung. Ein Weltgedicht wollte Jeffers noch schreiben, wie Lukrez sein „De Rerum Natura“, es blieb ein unvollendetes Projekt. Das Fragment „Anfang und Ende“ gibt eine Ahnung davon.

Jeffers liebte alles, was Bestand haben würde. In einem Vergleich zwischen Eisenbahn und Berg hat er das einmal so formuliert: Die Eisenbahn existiere zweihundert Jahre, der Berg aber ewig. In dem Gedicht „Kap Joe“ lesen wir: „Es sind die dauerhaften Dinge, die ein Dichtwerk braucht, / Dinge von großer zeitlicher Ausdehnung, / Dinge, die sich seit eh und je erneuern oder die immer da sind.“ Der Gedanke, dass sein Habichtturm ihn überleben wird, muss ihn getröstet haben. Wer genau hinsieht, kann hier schon eine Kampfansage an die menschliche Hybris und Originalitätssucht herauslesen.

In seinem Essay „Themes in My Poems“ (1956) hat Jeffers es zugespitzt: „Wenn ein Mensch alle seine Gefühle in den eigenen Körper und die eigenen Gemütszustände investiert, dann ist er geisteskrank und seine Krankheit nennt sich Narzissmus. Der glücklichste und freieste Mensch ist der Wissenschaftler, der die Natur befragt, und der Künstler, der sie bewundert, kurzum der Mensch, der sich für Dinge interessiert, die nicht menschlich sind.“

Robinson Jeffers hat für die menschliche Hybris den Begriff „Inhumanismus“ gewählt; Botho Strauß prägte dafür das Wort „Ohnmenschlichkeit“. Eva Hesse nun stellt Jeffers in ihrer Auswahl als Dichter der tragischen Erfahrung vor: „Die Küste hier ruft nach dem tragischen Geschehen wie alle / schönen Stätten“ (Apologie für böse Träume). Jeffers’ Lyrik, so Hesse, wechselt vom Naturmythischen der frühen Gedichte zur zivilisierten Psychoanalyse, um schließlich in religiös-mythischen Analogien zu enden.

Robinson Jeffers: Die Zeit, die da kommt. Gedichte. Deutsch von

Eva Hesse.

Carl Hanser Verlag, München 2008.

258 Seiten, 19,80 €.

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