Salon Bruckmann : Die unselige Freitagsgesellschaft

Münchner Salonkultur mit Hitler: Wolfgang Martynkewicz erzählt von Geist und Macht.

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Was für Aussichten. Hitler im Münchner Haus der Kunst (1937). Neben ihm: die betreuende Innenarchitektin Gerdy Troost, Witwe des...Foto: akg-images

„Zu den Vorgängen am Karolinenplatz“ lautete die Schlagzeile der „Kriminalzeitung“ vom November 1918. Es handelte sich um eine Sondernummer der „Süddeutschen Illustrierten“ aus Revolutionstagen. Die Titelzeichnung zeigte Polizisten mit Stahlhelmen, die auf wehrlose Demonstranten einschlugen. Doch im Prinz-Georg-Palais am vornehmen Münchner Karolinenplatz 5, in dem heute der Bayerische Sparkassen- und Giroverband residiert, sollte in den Zwischenkriegsjahren noch eine ganz andere Keimzelle des Verbrechens vor sich hin reifen – zwischen Gobelins und Plüschsesseln aus der Werkstatt von Paul Ludwig Troost. Der gefragte Architekt und Designer hatte das Interieur mehrerer Überseedampfer der Lloyd gestaltet und wurde von Hitler persönlich mit zwei Großprojekten am Königsplatz betraut: dem „Führerbau“ und dem „Verwaltungsbau“. Wo hatten sich der Stararchitekt und der gescheiterte Kunstmaler kennengelernt? Im Salon Bruckmann.

Am 23. Dezember 1924 erfüllte sich für die großbürgerliche, hochgebildete und bis dahin geschmackssichere Salonnière Elsa Bruckmann ein Traum: „Zwei Tage nach seiner Entlassung aus der Festung Landsberg war es, dass der Führer uns zum ersten Mal aufsuchte. Wir bewohnten damals die schönen Räume im Karolinenplatz 5, die alle durch Größe und Ebenmaß ausgezeichnet waren.“ Zuvor hatte Elsa, die ehemalige Schauspielerin aus dem byzantinischen Fürstengeschlecht Cantacuzène und Muse des jungen Hugo von Hofmannstahl, den angehenden „Führer“ im Gefängnis besucht, wo er wegen Hochverrats einsaß. Wie so viele Frauen ihrer Zeit von der „barbarischen“ Ausstrahlung Hitlers ergriffen, notierte sie: „Nun trat mir – in der bayerischen kurzen Wichs und gelbem Leinenjöpperl – Adolf Hitler entgegen: einfach, natürlich und ritterlich und hellen Auges!“ Elsa und der italophile Hugo Bruckmann – ein glühender Mussolini-Verehrer - erhielten die niedrigen NSDAP-Mitgliedsnummern 91 und 92, was als besondere Ehre galt. Der Salon bestand bis zum Tod des Verlegers 1941. Während Elsa (1865-1946) von ihrer Gesinnung bis zuletzt nicht abrückte, verhielt sich Hugo Bruckmann vorsichtiger. So weigerte er sich, Hitlers „Mein Kampf“ in sein auf Kunstbücher spezialisiertes Verlagsprogramm aufzunehmen.

„Der Salon Bruckmann ist ein Skandalon“, sagt Wolfgang Martynkewicz. Für sein Opus magnum „Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945“ hat der Bamberger Literaturwissenschaftler, der unter anderem Biographien der Psychoanalytikerin Sabrina Spielrein und von Edgar Allan Poe vorlegte, vier Jahre lang recherchiert. Minuziös und anekdotenreich beschreibt Martynkewicz, wie aus dem geschwungenen Jugendstilornament ein Hakenkreuz wurde. Ab Januar 1899 luden die Bruckmanns Geistesgrößen wie Rudolf Alexander Schröder, Harry Graf Kessler und Thomas Mann, aber auch ihren Hausautor Houston Stewart Chamberlain zum Jour fixe ein, damals noch in das Verlagshaus Bruckmann in der Nymphenburger Straße 86. Der belgische Jugendstilarchitekt Henry van de Velde hatte es entworfen. Der deutsche Kaiser verachtete van de Veldes Wellenlinien: Er fürchte, davon seekrank zu werden, sagte Wilhelm II. 1902 auf der Düsseldorfer Industrieausstellung; standhaft weigerte er sich, einen von van de Velde gestalteten Saal zu betreten.

Die Reform- und Freiheitsbewegungen der Moderne zeigten erste Müdigkeitserscheinungen, wie Martynkewicz anhand von Einzelporträts illustriert. Die „Habitués“ des Salons Bruckmann wie Rainer Maria Rilke sehnten sich nach Einfachheit und Natürlichkeit, aber auch nach einer charismatischen Führungsfigur, einem „heimlichen Kaiser“. Stefan George soll seine Jünger vor dem Salon, in dem er selbst verkehrte, gewarnt haben: Er wolle nicht, „dass seine Nächsten einen Winter lang herumgereicht werden und dann wie eine ausgepresste Zitrone fortgeworfen werden“.

Im Winter 1908/09 zogen Elsa und Hugo Bruckmann in den Schatten des schwarzen Obelisken am Karolinenplatz um. Das Monument soll die im Feldzug gegen Napoleon gefallenen Bayern ehren. „Um 1900 begriffen sich die meisten Gäste des Salons noch als Verfechter der Moderne, als Lebensreformer und Kulturerneuerer“, sagt Wolfgang Martynkewicz: „Der Salon Bruckmann stand für einen ästhetischen Aufbruch, man war in diesem Kreis bis auf wenige Ausnahmen keineswegs kulturpessimistisch gesinnt. Diese Ausgangskonstellation war für mich das eigentlich Interessante an dem Thema, denn damit konnte man die immer wieder gestellte Frage nach der Vorgeschichte des Nationalsozialismus neu in den Blick nehmen.“

Die Freitagsgäste sahen sich als Weltbürger, als Protagonisten eines Ideenlaboratoriums. Immer stärker jedoch wurde über das Deutsche in der Kunst reflektiert. Biologische und kulturelle Diskurse vermischten sich. Runenkunde wurde betrieben, Rassetheoretiker wie der glühende Pangermane Chamberlain und der Physiognom Rudolf Krasser fanden zunehmend Gehör. Selbst der jüdische Dichter Karl Wolfskehl betrachtete den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Geburtshelfer für ein neues Deutschland und die Mobilmachung als Katharsis.

Inwieweit war der „Salon Deutschland“ eine Münchner Institution? Ein früher Gast, der Germanist Friedrich von der Leyen, sagte: „Es war eigentlich etwas nicht Münchnerisches in diesem München.“ „Dass die Stadt der ideale Humus für den Aufstieg Hitlers war, ist dagegen sicher nicht von der Hand zu weisen“, meint Wolfgang Martynkewicz und zitiert den Hitler-Biographen Joachim Fest: „Das rhetorische, von jeder exzentrischen Geste verführte Temperament der Stadt war für den theatralischen Stil seiner Selbstinszenierung und die ungezügelten Ausbrüche des Redners überaus empfänglich und hat ihn zweifellos nicht weniger gefördert als die greifbaren historischen Fakten.“

Das Ehepaar Bruckmann war es auch, das Adolf Hitler zum Erwerb seiner Parteizentrale in der Brienner Straße 45 verhalf, dem „Braunen Haus“. Bruckmanns persönlicher Assistent war Hans Prinzhorn, der Sammler von Kunstwerken angeblicher Geisteskranker. Die Heidelberger „Sammlung Prinzhorn“ gedenkt dieser Künstler, die fast alle der Euthanasie zum Opfer fielen. Prinzhorn diente sich den Nationalsozialisten als „seelenkundlicher Führer“ an. Es ist die Fülle atemberaubender Monstrositäten und Querverbindungen, die „Salon Deutschland“ zu einer erhellenden Lektüre machen, zu einem Lehrstück über die Verführbarkeit der Intellektuellen. Unbeabsichtigt hat Wolfgang Martynkewicz auch die ideale Ouvertüre für das NS-Dokumentationszentrum „Braunes Haus“ geschaffen. Es soll am Ort des Geschehens entstehen.

Wolfgang Martynkewicz: Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945. Aufbau Verlag, Berlin 2009. 617 Seiten, 26,95 €.

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