Sammler : Auf der Jagd nach der Postkarte

Was Prominente, Galeristen und Unternehmer so sammeln, zeigt der Bildband "Global Collectors".

Claudia Herstatt

Wie erlesen der Kunstgeschmack des Modeschöpfers Yves Saint Laurent war, brachte jüngst die prachtvolle Auktion im Pariser Grand Palais an den Tag. Für gewöhnlich aber entzieht sich dem öffentlichen Blick, mit welchen Dingen sich Sammler zu ihrem Privatvergnügen umgeben – es sei denn, sie unterhalten eigene Museen. Hier setzt das Buch „Global Collectors“ an und führt in unbekanntere Refugien. Die Autorin Judith Benhamou-Huet, Kunstmarktspezialistin und Kolumnistin für „Les Échos“ und „Artpress“ in Paris, hat über Jahrzehnte Personen und Persönlichkeiten aus Film, Mode, Kunst und Wirtschaft porträtiert. 115 der Porträts sind nun im Buch „Global Collectors“ zusammengefasst: vom tunesischen Couturier Azzedine Alaia mit einem Faible für den Architekten und Designer Jean Prouvé bis zum pensionierten französischen Direktor Philippe Zoummeroff, der Manuskripte aus dem 17. Jahrhundert liebt.

Das Spektrum der Leidenschaften ist breit, mal scheint es perfekt zum Sammler zu passen, mal verblüffen die Vorlieben. Etwa wenn der Schauspieler Alain Delon sich in seinem Haus mit Gemälden und Arbeiten auf Papier von Rembrandt, Delacroix und van Gogh eingerichtet hat. 40 Jahre lang schulte er sein Auge für die Kunst des 19. Jahrhunderts. Erstaunlich für einen Mann, der sich an kein Bild an der Wand seines Elternhauses erinnern kann. Der wortkarge Schauspieler gestand der Autorin: „Maler wie Millet und Corot sind meine Familie.“

„Im Kino wie in der Kunst suche ich immer nach dem besten Licht“, erzählte der kürzlich verstorbene französische Filmproduzent Claude Berri. Sinnfällig versammelte er minimalistische Arbeiten von Robert Ryman, Stillleben von Giorgio Morandi, Skulpturen von Alberto Giacometti, Lichtkästen von Jeff Wall und Leuchtkörper von Dan Flavin.

Es ist nicht immer nur Besitztrieb. Oft treibt diese Privatsammler auch der Wunsch nach Aufklärung. Ein Beispiel ist der in Buenos Aires lebende frühere Getreidehändler Georges Helft: Sein Vater war mit Heinz Berggruen befreundet, und so erwarb er als Erstes eine Arbeit von Paul Klee. Als der Geschäftsmann nach Buenos Aires übersiedelte, fand er heraus, dass weder in der Nationalbibliothek noch in der Universität ein einziges Manuskript des Schriftstellers Borges vorhanden war. „Ich war entsetzt“, sagte Helft, „Borges war einst Direktor der Bibliothek.“ Er begann Erstausgaben und Autografen zu ersteigern und spendete sie den Institutionen, bis „jedes Stück Papier von seiner Hand teurer geworden war als ein Brief von Napoleon“.

Gelegentlich verändern Sammler radikal ihre Leidenschaften oder trennen sich komplett von ihren Schätzen. So der Gründer der Messe Paris Photo, Rik Gadella. Der Verkauf großer Teile seiner lange angehäuften Kollektion von afrikanischem Kopfschmuck ermöglichte ihm ein Leben auf Laos.

Anthony D’Offay galt bis 2001 als einer der erfolgreichsten Galeristen in London. Er vertrat Joseph Beuys und Bruce Nauman, Diane Arbus und Ed Ruscha. 2008 vermachte er Teile seiner Sammlung mit mehr als 700 Werken der Tate Gallery und der National Gallery in Schottland. Bis zur Schließung seiner Galerie handelte er weltweit mit den ganz großen Namen und den ganz hohen Preisen. Man kann es deshalb fast nicht nachvollziehen, dass er nun alte Postkarten anhäuft, die Headhunter für ihn in Afrika, Japan, Deutschland und den Vereinigten Staaten für teilweise lächerliche fünf Dollar das Stück aufkaufen.

Den unterschiedlichen Temperamenten und Anliegen der Sammler stellt der frühere Messechefs der Art Basel, Samuel Keller, ein Vorwort voran. In einem Text äußert sich zudem die große alten Dame der Gegenwartskunst, Louise Bourgeois. Da heißt es sinngemäß: „Der Sammler ist bemitleidenswert, zugleich optimistisch und zwangsgesteuert. Ich glaube, was ihn treibt, ist die Angst vor dem Verlust seiner selbst.“ Nimmt man die These als gegeben, so wird das Buch auch so reizvoll, weil man sieht, wie sich die Sammler diesem Verlust zu entziehen versuchen. Claudia Herstatt

Judith Benhamou-Huet „Global Collectors“ (engl. & franz.), Editions Phébus, Paris, 65,55 Euro.

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