Sansibar Blues : Das Blut der frühen Jahre

Hans Christoph Buch unternimmt einen Ausflug in die Geschichte der afrikanischen Insel Sansibar

Paul Michael Lützeler
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Es ist eine so abenteuerliche wie traurige Safari, zu der Hans Christoph Buch in „Sansibar Blues“ einlädt. Unter den deutschen Schriftstellern ist er der beste Kenner jener Straßen, die in die alt- und neukoloniale Welt Afrikas führen. In Reportagen und Essays, die in seinen Sammelbänden „Blut im Schuh“ (2001) und „Black Box Afrika“ (2006) erschienen sind, hat er über Bürgerkriege und Massaker, UNO-Einsätze und Flüchtlingslager auf dem Kontinent berichtet.

Der neue Roman erinnert strukturell an sein Buch „Kain und Abel in Afrika“ (2001), das von den Folgen des Völkermords in Ruanda handelt. Wie dort gibt es auch hier einen zeitgenössischen Erzähler, der nach Afrika reist und in der zweiten Person Singular berichtet, einer in der epischen Literatur seltenen Form. Denn es geht hier nicht um die Du-Form als Anrede an den Leser, wie wir sie aus Werken von E.T.A. Hoffmann bis Italo Calvino kennen, sondern um eine Art Selbstgespräch, in der das Ich sich objektiviert. Zugleich gibt es sowohl in „Kain und Abel“ wie in „Sansibar Blues“ Ich-Erzähler, die früheren Geschichtsphasen angehören: Eindrücke aus der Gegenwart werden mit Erfahrungen der Vergangenheit konfrontiert. So erinnert der Roman nicht nur der Gefühlslage und dem Thema nach, sondern auch im Aufbau an einen Blues, in dem verschiedene Stimmen sich ergänzen und korrigieren.

Der Du-Erzähler ist Teil einer internationalen Reisegruppe, und das gibt Gelegenheit, auch eine ironisch-karikaturistische Komponente zum Zuge kommen zu lassen. Die Gruppe ist auf Afrikatour und besucht unter anderem die dem ostafrikanischen Festland vorgelagerte Inselgruppe Sansibar. Die Ich-Erzähler verbrachten längere oder kürzere Zeit auf Sansibar. Da ist zunächst eine erfundene Figur namens Hans Dampf, die sich in allen Gassen des unruhigen Sansibar von 1964/65 tummeln muss. Ulbricht hat Hans Dampf als Botschafter entsandt, weil das sozialistische Sansibar gleich nach der Revolution die DDR völkerrechtlich anerkannte. Die Persönlichkeiten, die dem Ostdeutschen über den Weg laufen, sind bekannt: der in fast jeder Publikation Buchs auftauchende Che Guevara (er versucht sich gerade als Revolutionsexporteur), der amerikanische Diplomat, Politiker und Geschäftsmann Frank Carlucci (er hatte einige Jahre zuvor für den CIA im Kongo gearbeitet und brachte es später bis zum US-Verteidigungsminister) und der schon wegen seines Buches „Afrikanisches Fieber“ unvergessliche, vor zwei Jahren verstorbene polnische Schriftsteller Ryszard Kapuscinski. Hans Dampf wird schon nach drei Monaten in die Hauptstadt der DDR zurückbeordert, weil er allzu nahe Kontakte zum sogenannten Klassenfeind pflegte und sich zudem auf die Liaison mit einer Einheimischen eingelassen hat: das Ende einer Karriere.

Zu den Ich-Erzählern gehört auch Emily Ruete. Ihr Leben dürfte der Autor aus ihren Erinnerungen „Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert“ kennen. Geboren wurde sie 1844 auf Sansibar als Sayyida Salme Prinzessin von Oman und Sansibar, und sie starb 1924 in Jena. Sie heiratete unter abenteuerlichen Umständen den Hamburger Kaufmann Rudolph Heinrich Ruete, mit dem sie 1867 nach Deutschland übersiedelte. Da sie zum Christentum konvertierte, wurde sie vom Sultan von Oman und Sansibar zur persona non grata erklärt und verlor alle Erbansprüche. Buch gelingt es, für sie als Privatperson Sympathie zu wecken und gleichzeitig ihren Stellenwert als politische Figur auszumachen. Wann immer Buch Begegnungen mit Bismarck erfindet – hier mit Emily Ruete –, wird es spannend. Unter Bismarck war Sansibar in die Kolonialklauen des Kaiserreichs geraten, doch sein unerfahrener Nachfolger Caprivi tauschte 1890 die Insel gegen Helgoland, sehr zur Freude der Engländer, die schon lange ein Auge auf das strategisch wichtige Sansibar geworfen hatten.

Die dritte Stimme gehört dem Kaufmann Tippu Tipp. Er war durch Sklavenhandel und Geschäfte mit Elfenbein zu Reichtum und Einfluss gelangt, und sein Handelsimperium am Tanganyika-See sowie seine Kongo-Residenz in Nyangwe waren Zentren afrikanischer Politik von den 1860er bis zu den 1890er Jahren. Ihn kennt der Autor durch die Monografie „Tippu Tipp. Lebensbild eines zentralafrikanischen Despoten“ von Heinrich Brode. Buch zeigt Tipp in Kontakt mit allen bekannten Dunkelmännern und Wohlmeinenden, die die afrikanische Welt heimsuchten – von Henry Morton Stanley über Leopold II und Hermann Wissmann bis zu David Livingstone und Eduard Schnitzer (Emin Pascha).

Das Dokudrama, das dieses Buch entfaltet, drängt sich nie mit vorgefassten Meinungen auf und überlässt es dem Leser, die Stimmen der Gegenwart mit denen der Vergangenheit zu verbinden. Es ist eine Dichtung, die oft in den Duktus des Märchens verfällt, und in der nicht nur der Wahnsinn und die Tragik der Kolonialisierung, sondern auch ihre (oft unfreiwillige) Komik konturiert wird.


Hans Christoph Buch: Sansibar Blues oder Wie ich Livingstone fand. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2008. 247 Seiten, 28 €.

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