Sarah Kuttner : Mängelexemplar

Tabuzone Depression: Sarah Kuttners Debütroman ist sehr schnell. Mehr Ruhe hätte dem Buch gut getan.

Sonja Pohlmann

Bei Karo muss immer alles schnell gehen. Sie kauft Kleidung, ohne sie anzuprobieren. Sie isst am liebsten vom Buffet. Sie täuscht lieber einen Orgasmus vor, als sich beim Sex zu langweilen. Doch dann verliert Karo, 26, Event-Managerin und seit zwei Jahren mit Philipp zusammen, Job und Beziehung. Auf einmal hat sie viel Zeit, zu viel – und plötzlich macht sich in ihr eine ganz andere Unruhe als sonst bemerkbar: Ihr Herz rast, sie bekommt keine Luft mehr, die herumliegende Schere, die offene Balkontür, machen ihr Angst. Karo hat einen Panikanfall. Zeichen einer Depression, einem „fucking Event“, wie ihr Psychiater diagnostiziert. Langsam muss Karo in der Therapie lernen, dass nicht alles schnell gehen kann, dass nicht alles perfekt sein muss, weil jeder Mensch und eben auch sie ein „Mängelexemplar“ ist.

Sarah Kuttner, 30, hat mit „Mängelexemplar“ ihren ersten Roman vorgelegt. Als Viva- und MTV-Moderatorin lernte selbst das schnelle, oft oberflächliche Leben kennen, sie selbst hat überraschend ihren Job verloren, sie selbst hat schon eine Panikattacke gehabt. Autobiografisch sei das Buch trotzdem nicht, so Kuttner.

Trotzdem kommt darin leider allzu oft die Moderatorin durch, die lieber einen schlechten Witz als gar keinen macht. In „Mängelexemplar“ bedeutet das: Lieber einen schlechten Satz als gar keinen. „Es ist zum Mäuse-Melken mit Philipp“, heißt es an einer Stelle. „You can get it if you really want it. Ich wante vermutlich nicht really genug“, an einer anderen.

Schlimmer als solche Formulierungen ist nur die Protagonistin selbst, deren Heulanfälle und Handlungsunfähigkeit viele Seiten einnehmen. Dabei kommt Kuttners Buch zur richtigen Zeit. Nachdem sich Ex-Kollegin Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete“ sexuellen Tabuzonen widmete, nimmt sich Kuttner die Tabuzone „Depression“ vor, unter der mehr junge Leute leiden, als bekannt. Viele von ihnen stehen unter dem wachsenden gesellschaftlichen Druck, physisch und psychisch perfekt zu sein. Selbst Erfolgreiche haben oft Angst, nicht zu genügen und zu scheitern. Solche Hintergründe aber deutet Kuttner nur an, die Geschichte ihrer Protagonistin bleibt zu oberflächlich. Mehr Ruhe hätte dem schnellen Buch gut getan. Sonja Pohlmann


Sarah Kuttner: Mängelexemplar.

Roman. S. Fischer, Frankfurt/Main 2009. 272 Seiten, 14, 95 €.

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