Sarkozy-Autobiografie : "Erfolg ist verdächtig"

Tatmensch und Pragmatiker: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bringt seine "Bekenntnisse" auf den Markt. Die erstaunliche Karriere des Einwanderersohns Sarkozy ist alles andere als ein langer, ruhiger Fluss.

Sarkozy 1986
Nicolas Sarkozy mit Mentor Jacques Chirac 1986 in Paris-Neuilly. -Foto: Roger-Viollet

Nicolas Sarkozys Lieblingsstadt ist Nizza. Das liegt vielleicht auch daran, dass der Sohn eines ungarischen Einwanderers 1975 in der Stadt an der Côte d’Azur seine erste politische Rede hielt. Sie dauerte nur fünf Minuten. Wichtiger als ihr Inhalt ist die Tatsache, dass Sarkozy damals Zugang zum engeren Kreis von Jacques Chirac fand. Sarkozy, der begabte und ehrgeizige junge Redner, sollte Chirac 32 Jahre später im Amt des französischen Präsidenten ablösen. Allerdings ist die erstaunliche Karriere des Einwanderersohns Sarkozy alles andere als ein langer, ruhiger Fluss. Sein Aufstieg zur Macht ist gekennzeichnet von Rückschlägen, Niederlagen und einem gespaltenen Verhältnis zu seinem einstigen Mentor Chirac. In seinem Buch „Bekenntnisse“ schreibt Sarkozy: „Ich stehe nicht auf der Liste seiner Freunde, das habe ich ein für alle Mal akzeptiert.“

Mit seinen „Bekenntnissen“ möchte Sarkozy nach eigenen Worten vermitteln, „wer ich bin: woher ich komme, wie ich die Welt sehe und was ich in mehr als drei Jahrzehnten politischen Lebens gelernt habe“. Ganz frisch sind die „Bekenntnisse“ allerdings nicht. Neben einigen neuen Texten, die seit Sarkozys Wahl zum Präsidenten im Mai entstanden sind, finden sich darin auch Kapitel aus älteren Sarkozy-Büchern. Eines davon trägt den Titel „Ensemble“ („Gemeinsam“). Es kam im vergangenen April heraus, und es sind hier die Glaubensgrundsätze des damaligen Wahlkämpfers Sarkozy versammelt, der noch einmal mit der sozialistischen Opposition abrechnet.

Dass sich französische Präsidentschaftskandidaten den Wählern in schriftlicher Form offenbaren, ist nichts Ungewöhnliches. Die Franzosen wollen wissen, was der Kandidat denkt, welche Zukunftsvisionen er mitbringt, welche Schlüsselmomente ihn politisch geprägt haben – und sie wollen all dies auch noch einmal nachlesen können. Als François Mitterrand 1988 um ein zweites Mandat kämpfte, wandte er sich mit einem Manifest an die Wähler, das den Titel „Brief an alle Franzosen“ trug.

Was Sarkozy aber von allen seinen Amtsvorgängern unterscheidet, ist sein gewaltiger Reform-Anspruch. Deshalb hat auch wohl selten ein neuer Amtsinhaber im Elysée-Palast ein so großes internationales Interesse ausgelöst. Sarkozy hat angekündigt, Frankreich grundlegend zu reformieren. Seit seinem Amtsantritt hat er in atemberaubender Geschwindigkeit zahlreiche Gesetzesänderungen durchgepeitscht – Hochschulreform, Steuersenkungen, Strafverschärfungen für Wiederholungstäter. Auch die erste Machtprobe mit den Gewerkschaften hat er im Eisenbahnerstreik für sich entschieden. Ist Sarkozy für Frankreich das, was Margaret Thatcher in den Achtzigerjahren für Großbritannien war?

Wer wissen will, was Sarkozy bei seinem Reformeifer antreibt, dem eröffnen sich in den „Bekenntnissen“ einige neue Einblicke. Schon als er 2002 zum Innenminister berufen wurde, warf man ihm vor, voreilig zu handeln und sich zu sehr in den Vordergrund zu spielen. „Derartiger Kritik bin ich in meiner Laufbahn von einem sehr frühen Zeitpunkt an immer wieder begegnet“, schreibt Sarkozy. Denjenigen, die sein hohes Tempo kritisieren, hält er entgegen, dass es in der Politik in erster Linie um Effizienz und Ergebnisse gehe. Genussvoll schildert Sarkozy, wie er als Innenminister im Sommer 2002 mit dem damaligen rumänischen Ministerpräsidenten Adrian Nastase über die illegale Einwanderung beriet und dabei die Vorgaben der französischen Diplomatie („inhaltsleere Floskeln“) beiseitewischte. Sein vernichtendes Fazit: „Diplomatie ist eine schwierige Kunst. Aber es kann einen verrückt machen, nichts zu sagen, nichts zu fordern und nichts zu bieten.“

Sarkozy malt in den „Bekenntnissen“ das Selbstporträt eines Tatmenschen, kein Zweifel. Und dass in Frankreich nach den langen Jahren der Stagnation der Moment zum Handeln gekommen ist, daran gibt es für ihn ebenfalls nichts zu deuteln. „Unser Gesellschaftsmodell ist nicht mehr vorbildlich, auch unser Integrationssystem nicht, und noch weniger unsere Wirtschaft“, schreibt er. Auch die Mehrheit der Franzosen teilt diese Analyse. Allerdings zeigt die aktuelle Diskussion in Frankreich auch, dass der Präsident nicht unbegrenzt auf den Reformwillen seiner Landsleute bauen kann. Zustimmung kann in Frankreich schnell in Rebellion umschlagen. Und wenn die Franzosen zurzeit eines bewegt, dann ist das ihre schwindende Kaufkraft. In diesem Punkt erwarten sie von ihrem neuen Staatschef ebenfalls Resultate.

Aber vorerst scheint Sarkozy auf seinem Reformweg alles richtig zu machen. Am allerwenigsten muss er sich noch den Vorwurf gefallen lassen, erst nach der Wahl Klartext zu reden. Frankreichs Exportschwäche, ein verschwenderisches Sozialversicherungssystem, fehlende Forschungsgelder – Sarkozys Mängelliste ist lang. Auch seine Landsleute verschont er in den „Bekenntnissen“ nicht von Kritik. Materieller Erfolg habe in Frankreich einen unanständigen Geruch, findet Sarkozy. „Statt als Vorbild zu dienen, ist Erfolg oft verdächtig, anstößig – und letztlich nicht gerechtfertigt.“ Das Credo des Aufsteigers im Elysée heißt hingegen: Wer mehr leistet, muss auch belohnt werden. „Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen“ lautet denn auch eine seiner Kernforderungen. Allerdings wird eine entsprechende Gesetzesinitiative, die Überstunden von Steuern befreit, in der öffentlichen Debatte in Frankreich gegenwärtig nicht als großer Durchbruch wahrgenommen, der die Konsumschwäche mildern könnte.

Ist also im Mai „Frankreichs Thatcher“ ins Amt gekommen? Wer die „Bekenntnisse“ liest, entdeckt eher etwas anderes. Jenseits der markigen Wahlkampfparolen offenbart sich hier auch der Pragmatiker Sarkozy, gewissermaßen in deutscher Kanzler-Manier. Als habe er das Prinzip des „Nachbesserns“ von Gesetzesvorhaben, das auch zum Stil des Altkanzlers Gerhard Schröder gehörte, verinnerlicht, schreibt Sarkozy: „Aus meiner Sicht ist es besser, Dinge auszuprobieren, sich an die Verhältnisse vor Ort anzupassen, den Kurs zu ändern, wenn etwas nicht funktioniert, und ihn zu halten, wenn er erfolgversprechend ist.“



– Nicolas Sarkozy:
Bekenntnisse. Frankreich, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert. Herausgegeben von Philip H. Gordon. C. Bertelsmann Verlag, München 2007, 288 Seiten, 19,95 Euro.

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