Saul Bellow : Macht und Mitleid

Alles ist eitel, ist das nicht toll? Saul Bellows große Romane sind in einer fabelhaften neuen Edition erschienen.

Gerrit Bartels
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Wollte vom Tod schon aus ästhetischen Gründen nichts wissen. Der 2005 gestorbene amerikanische Literaturnobelpreisträger Saul...Foto: Angelo Turetta, Laif

Es waren deutliche Worte, die Marcel Reich-Ranicki 1982 in der „FAZ“ für Saul Bellows Roman „Der Dezember des Dekans“ fand. Nicht nur, dass er ihn als „dürres und dürftiges Alterswerk“ abtat. Er erledigte die Übersetzung gleich mit, wie alle Bellow-Übersetzungen ins Deutsche: „Die Übersetzungen fast aller Bücher Saul Bellows stammen von Walter Hasenclever. Und es muss endlich offen gesagt werden: Sie sind schlecht. Und es macht die Sache nicht besser, dass die deutsche literarische Öffentlichkeit es unterlassen hat, gegen diese kontinuierliche Entstellung der Prosa des großen Amerikaners rechtzeitig zu protestieren.“

Es dauerte noch einmal über ein Vierteljahrhundert, bis die Klage Gehör fand: Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, der die deutschen Rechte an Bellow besitzt, hat drei der wichtigsten Romane des 2005 mit 89 Jahren verstorbenen Literaturnobelpreisträgers neu aufgelegt, zwei in gänzlich neuer Übersetzung: „Humboldts Vermächtnis“ von Eike Schönfeld, „Die Abenteuer des Augie March“ von Henning Ahrens. Und Bärbel Fläd hat „Herzog“ auf der Grundlage von Walter Hasenclevers Übersetzung überarbeitet. Allen Werken ist das überaus gut bekommen. Das Umständliche, Unbeholfene, die Stockfehler der alten Versionen sind verschwunden, das Muffige, die zeitbezogenen Prüderien wurden getilgt. Elastisch und wendig sind die Neuübertragungen, dem Tonfall und Rhythmus Bellows verpflichtet, modern ohne hypermoderne Aufdringlichkeiten.

Auch in der Auswahl hat der Verlag einen guten Griff getan, sind alle drei Romane doch Schlüsselromane Bellows, die in seiner fruchtbarsten Schaffensphase entstanden. Mit dem wilden, überbordenden Entwicklungsroman „Die Abenteuer des Augie March“ gelang ihm 1953 nach zwei konventionellen, streng an Vorbildern wie Flaubert und Kafka geschulten Romanen der Durchbruch. Allein der erste Satz von Augie March trifft exakt auf Bellow zu, der aus der autobiografischen Färbung seiner Bücher nie einen Hehl machte und seine Romane wie Alberto Moravia als „höhere Form von Autobiografie“ verstand: „Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago – dem düsteren Chicago –, habe mir selbst beigebracht, wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell, und werde auch auf meine Art Erfolg haben: Als Erster klopfe ich an, und als Erster trete ich ein.“

Unkonventionell geht Bellow hier die erzählerischen Dinge an, „im Freistil“, wie es schon in der alten Übersetzung von Alexander Koval sehr schön heißt. Er entledigt sich seines Erzählkorsetts und Augie March fabuliert drauflos, im Gossenjargon wie in der Sprache der Hochkultur. Es ist ein in den Slums von Chicago, in Mexiko und im Europa der Nachkriegszeit umherschweifendes Ich. Mal wird es von anderen Menschen beherrscht, dann befreit es sich wieder: „Weil das Leben ringsherum so mächtig ist, weil seine Instrumente so groß und schrecklich, die Leistungen so gewaltig und die Gedanken so edel und bedrohlich sind, muss man ein Selbst erschaffen, das alldem gewachsen ist.“

In der Figur des Augie March, in seiner Entwicklung vom sozialen Außenseiter zum Intellektuellen sind die anderen großen Bellow-Protagonisten schon angelegt: der Philosophieprofessor Moses Herzog zum Beispiel, wie Bellow geboren als Sohn jüdischer Einwanderer in Kanada. Im gleichnamigen Roman von 1964 schickt er Briefe an Frau und Kinder, an Lebende und Tote, Heidegger, Nietzsche und den amerikanischen Präsidenten – mitten in einer schweren existenziellen Krise.

In Augie angelegt sind auch die so verschiedenen, sich im Leben wie im Tod trotzdem nahen Schriftsteller Von Humboldt Fleisher und Charlie Citrine aus „Humboldts Vermächtnis“. Dieser Roman ist Bellows Testament schon zu Lebzeiten, der letzte, vielleicht ultimative Höhepunkt seines Werks. Für ihn erhielt er 1975 einen Pulitzer-Preis und 1976 den Nobelpreis. Danach folgten nur noch einige schwächere Bücher, zuletzt 2001 der Roman „Ravelstein“.

„Humboldts Vermächtnis“ ist noch einen Tick verrückter, überdrehter, komischer als „Augie March“. Zugleich versucht Bellow mit diesem Roman, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen: „Aus ästhetischen Gründen, wenn schon nicht aus anderen,“ so Citrine, „kann ich die Auffassung vom Tod, die die meisten haben und die auch ich während eines Großteils meines Lebens hatte, nicht akzeptieren – aus ästhetischen Gründen sehe ich mich daher genötigt, zu leugnen, dass etwas so Ungeheures wie die menschliche Seele auf ewig ausgelöscht werden kann.“ Abgesehen von den vielen Meditationen über den Tod und den zuweilen enervierenden Wiedergaben der Lehren des Anthroposophen Rudolf Steiner ist „Humboldts Vermächtnis“ auch ein Buch über die verzwickte Lage des Schriftstellers im zeitgenössischen Amerika, über dessen Balance-Akt zwischen Geist und Kapitalismus, dem Schönen und Wahren und dem Geld und der Macht.

Während Humboldt trotz seines Ruhms manisch-depressiv und verarmt einen einsamen Tod stirbt, kommt Citrine zu Geld und Ruhm. Im Verlauf des Romans wehrt er sich, auf die sechzig zugehend, mit Händen und Füßen, mit Proust, Hegel, Steiner – und mit seiner weit jüngeren Gespielin Renata gegen die aufziehende Bedeutungslosigkeit; dagegen, ein Schicksal wie Humboldt zu erleiden, gegen das Alter, den Tod und nicht zu vergessen seine Ehefrau, mit der er in einem von ihrer Seite unerbittlich geführten Scheidungskampf steckt.

Wie „Herzog“ lebt „Humboldts Vermächtnis“ nicht von der Handlung, sondern von Citrines Gedanken und Reflexionen, nicht zuletzt über den toten Humboldt, den er rehabilitieren und wiederauferstehen lassen will. Trotzdem geschieht enorm viel. Ständig wechseln die Schauplätze. Bellow führt seinen Erzähler durch Dampfbäder, Gerichtssäle und Restaurants in Chicago, lässt ihn von Chicago nach New York jetten, nach Paris und Madrid. Immer wieder trifft er auf hinreißend porträtierte, mitunter arg skurrile Figuren, auf den Mafioso Rinaldo Cantabile, auf Renata und ihre geldgierige Mutter oder auf den Dichter und Hochstapler Thaxter: „Er trug ein schwarzes Carabiniere-Cape, seine Füße waren nackt, er trank Pepsi-Cola, er hatte acht oder zehn Kinder, er hatte überall Schulden, und er war ein großer Kulturpolitiker.“

Es ist höchst reizvoll und macht viel Laune, Citrine in seine verästelten Gedankengänge zu folgen – auch weil dieser um seine vielen Schwächen weiß. Ständig macht er sich lustig über sich, und immer wieder lässt er sich von seiner Umgebung finanziell und in Gefühlsdingen über den Tisch ziehen. Trotzdem schließt er sie alle, die Cantabiles, Thaxters oder die Anwälte seiner Ex-Frau Denise, in sein Herz mit ein, sind sie ihm durchweg so sympathisch gegenwärtig, „dass sie meine kritischen Fähigkeiten über den Haufen werfen“. Wie so oft bei Bellow wird hier der Untergang der amerikanischen Kultur beklagt. Dennoch steht der Held mittendrin im Kampf um Geld, Macht und Anerkennung, sind ihm die Wonnen des Lebens bestens vertraut. Oder wie es Philip Roth geschrieben hat: „Dieser Roman ist Bellows fröhliche Version des Predigers: Alles ist eitel, aber ist das nicht toll?“

Rührend ist am Ende, wie Citrine, nachdem er durch Humboldts Vermächtnis, einem durchgeknallten Filmskript, wieder zu Geld gekommen ist, Humboldt exhumieren lässt und ihm ein richtiges Begräbnis spendiert: Citrine hat Frieden mit dem Tod geschlossen. Entsprechend lang klangen die Worte nach, die Bellow, ein Jahr nach Veröffentlichung von „Humboldts Vermächtnis“, bei seiner Nobelpreisrede sprach. Als vornehmste Aufgabe des Schriftstellers bezeichnete er es, an „unser Mitleid und unseren Schmerz, an das latente Gefühl der Verbundenheit mit allen Geschöpfen“ zu appellieren. In seinem letzten großen Roman ist Bellow das auf unterhaltsame und intelligente Weise gelungen. Und zwar so überzeugend, dass es nach der Lektüre Überwindung kostet, sich wieder in die Gefilde der zeitgenössischen Literaturproduktion zu begeben.

Saul Bellow: Die Abenteuer des Augie March. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. 859 S., 29, 95 €.

Saul Bellow: Herzog. Aus dem Amerikanischen von Walter Hasenclever. Überarbeitet von Bärbel Flad. 490 S., 24, 95 €.

Saul Bellow: Humboldts Vermächtnis. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. 652 Seiten, 29, 95 €

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