Literatur : Schach mit Veilchen

Michael Maar entführt mit „Solus Rex“ in Vladimir Nabokovs schöne böse Welt

Bruno Preisendörfer

Um es gleich zu sagen: Michael Maars deutungsgewitztes Buch ist für Leute, die Vladimir Nabokovs Romane und Erzählungen gern und häufig lesen. Mit gutem Grund wird schon im Vorwort von den „Belohnungen der Wiederlektüre“ gesprochen, die das verrätselte Werk des russisch-amerikanischen Zauberers einzigartig machten. Ohne seine Kenntnis hat man wenig von Michael Maars Finessen der Interpretation. Kulinarisch ausgedrückt: Es wird kein Aperitif serviert, sondern ein Digestif.

Michael Maar, Jahrgang 1960, debütierte 1996 als Philologe mit Nachrichten vom „Zauberberg“, auf die weitere Thomas-Mann-Essays folgten. Außerdem hat er eine Analyse der Harry-Potter-Romane veröffentlicht, deren Reiz darin bestand, die Bücher von J. K. Rowling nach Kompositionstechniken und Motivstrukturen zu untersuchen, als stammten sie von Vladimir Nabokov. Und schließlich hat der Spurensucher Maar vor drei Jahren einen deutschen Publizisten mit Namen Heinz von Lichberg literarisch exhumiert, der im Jahr 1916 eine Lolita-Geschichte publizierte, die auch noch „Lolita“ hieß und gewisse Gemeinsamkeiten mit jenem Roman aufweist, dem Nabokov seinen verspäteten Weltruhm verdankte.

Jetzt unterhält Michael Maar die Nabokov-Gemeinde mit „Solus Rex“, benannt nach einem im Winter 1939/40 von Nabokov in Paris auf Russisch geschriebenen, unvollendet gebliebenen Roman. Dieser Text bildet jedoch nur die Kulisse der philologischen Bühne, auf die bei Maar die Figuren Nabokovs treten, während im Bühnengraben ganze Horden von Fußnoten mit den Schellen klappern. Zu den Figuren, die oben über die Bretter tanzen, gehören Pnin, Humbert Humbert, Lolita und deren zahlreiche Vorgängerinnen in der „schönen bösen Welt des Vladimir Nabokov“, wie es im Untertitel heißt.

Sein Glanzstück ist das Kapitel über „Pnins Reise ins Licht“, sein Kabinettstück das Kapitel „Zauberer und Zwerg“. Darin lesen wir, wie Valdimir Nabokov in seiner Geschichte „Kartoffelelf“ die Geschichte „Der kleine Herr Friedemann“ von Thomas Mann nachgeschrieben hat – parodistisch, versteht sich, denn „Nabokovs Verachtung für Thomas Mann saß tief“.

Die spannendste Frage jedoch, die dieses kluge, gelehrte, geschickt komponierte und auch sehr amüsante Buch provoziert, geht über seinen Gegenstand hinaus. Es ist die Frage nach dem, was Leser wissen müssen, um verstehen zu können; und die Frage nach dem Wert und dem Rang von Literatur, die wegen ihrer mitunter kreuzworträtselhaften Codierungen nicht zuletzt auf die Hilfsarbeiten von Editoren und Kommentatoren angewiesen ist.

Hier ist nicht der Ort zu diskutieren, ob Vladimir Nabokov in Deutschland vielleicht nicht doch überschätzt wird. Aber auch ein Bewunderer wie Maar gibt das Gezierte und „Veilchenhafte“ an der Prosa des Meisters zu, und nicht jeder Leser, dem die Schachzüge und Spieluhrenmelodien seiner Kompositionen auf Dauer bloß kunstfertig vorkommen, muss deshalb einer dieser Köpfe sein, die hohl klingen, wenn ein Buch mit ihnen zusammenstößt.

Es gibt Autoren, die im Vergessen, und andere, die in immerwährender Bewunderung tiefgefroren sind. Manche werden wieder aufgetaut und Mode. Wieder andere bleiben zwischen Lob und Desinteresse liegen. Nur einer steht vielfältig mit sich selbst gedoubelt in Reih und Glied im Regal, verbirgt unter den Schutzumschlägen kleine silbrige Schmetterlinge auf den Buchdeckeln und zeigt kokett die Lesebändchen, als wäre jedes ein Humbert’sches „Strumpfband meiner Liebeslust“. Michael Maar hat recht: „Aus dem Konjunktiv kommt man bei diesem Autor nicht raus.“ Das Deuten geht weiter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben