Schätzing-Lesung : Schwerelos schnackseln

Immer hart am Limit: Frank Schätzings galaktische Leseshow im Berliner Admiralspalast.

327131_0_b218d6e4.jpg
Die Zukunft muss man selbst erfinden. Frank Schätzing bei seiner Performance. Foto: imago

Ohne Theia hätte der Tag nur vier oder fünf Stunden. Hurrikane und dreißig Meter hohe Wellen würden Spaziergänge erschweren. Kurzum, unsere Erde wäre ein noch unwirtlicherer Ort, hätte es nicht vor ungefähr vier Milliarden Jahren einen Zusammenstoß mit einem marsgroßen Körper namens Theia gegeben, bei dem allerlei Materie abgesprengt wurde, die sich dann zum Mond zusammenballte. Vermutlich zumindest.

Dem schönen Trabanten verdanken wir jedenfalls die entscheidende Entschleunigung unserer Welt, außerdem einige der besten Bilder von Caspar David Friedrich – und den Roman „Limit“ von Frank Schätzing. Auf der großen Leinwand im Berliner Admiralspalast flimmert die Kollision noch einmal als animierter Einspieler vorüber, ein farbprächtiges kosmisches Krawumm: es sieht aus, als hätte Roland Emmerich eine Folge des Wissensmagazins „Galileo“ inszeniert, Frank Sinatra singt dazu „Fly Me to the Moon“. Die Stimmung ist bombig, Extra-Applaus für Theia!

Frank Schätzing, 52 Jahre alt, Bestsellerautor mit 3,8 Millionen verkauften Exemplaren seines Öko-Thrillers „Der Schwarm“ und Wohnsitz in Köln, ist auf Lesereise mit seinem jüngsten Roman „Limit“. Der spielt im Jahr 2025, unter anderem auf dem nunmehr besiedelten Mond, und war schon vor Erscheinen ein paar hunderttausend Mal verkauft. Für die Tour sind Säle gebucht, die zwischen 1000 und 2000 Menschen fassen. Dass er sie locker füllt, ist so selbstverständlich wie Ebbe und Flut, auch der Admiralspalast ist offiziell ausverkauft. Frank Schätzing liest freilich nicht einfach aus seinem Roman vor, denn Lesen können die Leute schließlich auch zu Hause. Nein, er veranstaltet die Show zum Buch, genauer: er macht aus seinem Buch eine Show. Zeigt populärwissenschaftliche und satirische Filmchen. Lässt in Gestalt der Schauspieler Jan Josef Liefers und Milena Karas Figuren aus „Limit“ auf der Videoleinwand auftreten und kaspert mit ihnen als gütiger, geistiger Vater herum wie Geppetto mit Pinocchio. Und hält kabarettreife Reden über Science-Fiction, Fantasy und den 1. FC Köln.

Das spricht selbst Menschen an, die keine der 1328 Seiten von „Limit“ gelesen haben und es auch niemals tun werden. Schätzing Show ist eine perfekt inszenierte Mischung aus Volkshochschulvortrag, nur eben unterhaltsam. Und Selbstvermarktung. Popliteratur pur. Literatainment. Wo Benjamin von Stuckrad- Barre schon vor zehn Jahren seine Lesungen mit Lieblings-CDs und prominenten Gästen belebte, setzt Frank Schätzing ganz aufs Hollywoodformat. Dazu gehört auch ein Soundtrack, der immer dann bedrohlich anschwillt, wenn eine gruselige Passage ansteht. Natürlich gibt es Kulturskeptiker, die solche Vermainstreamungen des traditionellen Vortrags am Tisch beargwöhnen. Allerdings steht wohl kaum zu erwarten, dass Herta Müller ihre Lesungen demnächst mit animierten Einspielern über die Securitate aufpeppen muss.

Frank Schätzing kann nicht besonders gut schreiben, seine Sätze klingen immer ein bisschen nach Lockerheit mit Stützkorsett, vermutlich weiß er das selbst. Und der Plot von „Limit“ ist ein ziemlich kruder Mix aus allerlei Science-Fiction-, Horror-, Detektiv- und James-Bond-Storys. Worauf der Autor, den die Geringschätzer „Schwätzing“ nennen, sich allerdings versteht, ist die Recherche, die auch seinen Weltall-Fantasien den restrealistischen Boden gibt. Das energiespendende Mond-Element Helium 3, um das im Buch die Amis und Chinesen ein Wettrennen veranstalten, gibt es wirklich. Und er hat auch nicht eher Ruhe gegeben, bis er wusste, wie Sex in der Schwerelosigkeit funktioniert. Der Bestseller-Beau spricht über Erektionen, für die man viel Geduld braucht, über fixierende „Love Belts“, er ruft gut gelaunt in den Admiralspalast: „Jeder beherzte Beckenstoß lässt sie davonhüpfen wie ein Kaninchen“, und das in diesem rheinischen Slang, der munter mitklingen lässt, „et hätt noch immer jot jejange“. Eine der zentralen Botschaften dieser relativ dramaturgiefreien Performance lautet: Schätzing hat Humor. Er kann auch über sich selbst lachen, über sein Buch sowieso. Einmal sagt er, er habe „Limit“ anno 2025 angesiedelt, weil die Menschen lieber etwas kaufen, das zu einer Zeit spielt, wo sie noch leben, man sei ja schließlich auch Ökonom, haha, nur Spaß! Es fühlt sich an wie ein Moment der totalen Wahrhaftigkeit.

Frank Schätzing kann aber auch ernst. Wenn er über abwegige Zukunftsprognosen der Vergangenheit spöttelt, über die Desasterseligkeit der Deutschen den Kopf schüttelt, darüber, dass 60 Prozent angstvoll in die Zukunft blicken, dann schleicht sich Nachdenklichkeit ins Entertainment. „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu erfinden“, sagt Schätzing. Es könnte auch heißen: Sorge dich nicht, schau den Mond an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben