Schauerroman : Undurchsichtige Dinge

Zwischen Spukschloss und Schreibseminar: "Im Bann" von Jennifer Egan.

Sebastian Domsch
Egan
"Im Bann". -Foto: Promo

Eine beliebte Übung in Seminaren für kreatives Schreiben ist das Übertragen einer Geschichte in ein anderes Genre. Man macht aus einem Theaterstück eine Erzählung oder aus einer Liebesgeschichte einen Krimi. Eine Aufgabe für Fortgeschrittene könnte beispielsweise so lauten: Schreiben Sie Kafkas Roman „Das Schloss“ so, als wäre er von der Autorin romantischer Schauerromane Ann Radcliffe verfasst und von Nabokov überarbeitet worden. Das Ergebnis dieser Übung, wenn sie erfolgreich absolviert wurde, dürfte in etwa so aussehen wie Jennifer Egans neuer Roman „Im Bann“.

Der größte Teil des raffiniert konstruierten Romans spielt tatsächlich in einer Burg, die eine Art Spukschloss ist: gruselig verfallen und komplett mit labyrinthischem Kellersystem, einer wahnsinnigen, steinalten Baronin und einigen Geistern der Vergangenheit. Das Schloss steht im Grenzland zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien, was für den amerikanischen Leser gleichbedeutend sein dürfte mit Phantasien oder Narnia. Es ist ein Grenzübergangsland, ein Zwischenreich, in dem scheinbar widersprüchliche Dinge ineinander übergehen, so wie in Egans Buch sich die scheinbar widerstrebenden Erzählstränge und Gattungselemente unentwirrbar verschränken.

An diesen Ort kommt der Lebenskünstler und Berufstürsteher Danny auf Einladung seines Cousins Howard, der an der Börse zu Geld gekommen ist und in der Burg ein Hotel der besonderen Art aufbauen möchte, einen Ort der Stille und der Imagination. Die Cousins haben sich lange nicht mehr gesehen, seit einem außer Kontrolle geratenen Dumme-Jungen-Streich, der Howard tagelang in einer Höhle herumirren und fast den Verstand verlieren ließ. Mittlerweile ist es allerdings eher Danny, der Probleme hat. Halb auf der Flucht vor einem Streit in New York, kommt der Kommunikationsjunkie, der die Verfügbarkeit eines WLAN-Netzes als Prickeln auf der Haut spürt, mit eigener Satellitenschüssel im Rollkoffer an, um nur ja nicht den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren. Er ist krankhaft misstrauisch, vor allem was Howards Beweggründe angeht: Geht es wirklich um seine Hilfe oder um eine verspätete Rache? Schon Dannys Ankunft trägt albtraumhafte Züge, er findet weder Eingang noch Klingel, klettert über eine Mauer und betritt die Burg schließlich kriechend durch einen kerkerähnlichen Raum. Auch die weiteren Geschehnisse erwecken nicht gerade Dannys oder des Lesers Vertrauen: Hinter jeder Ecke und in den Köpfen der Anwesenden scheinen dunkle Geheimnisse zu lauern, die Satellitenschüssel verschwindet im fauligen Wasser des Pools, und die alte Baronin spukt im Bergfried und bald auch in Dannys Gedanken herum.

Subtil webt Egan die literarischen Versatzstücke der klassischen Schauergeschichte in eine unbestimmte Atmosphäre der Fremdheit und der Paranoia ein und lässt den Leser im Ungewissen, was er von all dem glauben soll. Doch dies ist erst der Anfang ihrer komplexen Konstruktion. Regelmäßig wechselt der Roman zu Ray, der in einem Gefängnis sitzt und dort an einem Kurs für kreatives Schreiben teilnimmt. Es ist Ray, der die Geschichte von Danny und Howard erzählt. Er tut dies, um seiner Lehrerin Holly zu gefallen, aber auch, weil sie selbst mit ihm zusammenhängt. Als Ray von einem anderen Kursteilnehmer lebensgefährlich verletzt wird – auch die Literatur ist eine Sache auf Leben und Tod –, laufen die verschiedenen Erzählfäden zu einem überraschenden, aber konsequenten Finale zusammen.

Wann immer man glaubt, den Roman durchschaut zu haben, gibt Egan ihm einen weiteren Dreh. Es ist offensichtlich, dass sie „Im Bann“ sorgfältig geplant hat, doch der Vergleich mit einer Übung für kreatives Schreiben greift am Ende zu kurz. Es ist eine Sache, sich einen ambitioniert strukturierten Roman vorzunehmen. Etwas anderes ist es, dies mit solch spielerischer Meisterhaftigkeit und einer so überzeugenden Ökonomie des Erzählens zu tun, bei der kein Wort zu viel steht, und so ein Lesevergnügen zu bereiten, dass sich intellektuelles Spiel und leichter Grusel die Waage halten.

Jennifer Egan: Im Bann. Roman. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2007.

282 Seiten, 19,90 €

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