''Scherbenpark'' : Zum Verlieren geboren

Auch ich bin doch wer: Alina Bronskys bemerkenswerter Debütroman „Scherbenpark“.

Christoph Schröder

Der Scherbenpark liegt direkt hinter dem Haus, einem Klotz von Wohnsilo, irgendwo im Hessischen in der Nähe von Frankfurt. Das Haus ist ein Getto der Russlanddeutschen, der im sozialen Abseits gestrandeten Migranten; im Scherbenpark treffen sich Peter und seine Freunde zum Saufen oder mit Mädchen, die genauso wenig mit ihrem Leben anfangen können wie alle anderen hier. Im Scherbenpark geht es derb zu, nicht eben ungefährlich noch dazu. Und zwischen all diesen Gestalten, den manischen Schachspielern, die den Kindern den Inhalt von Pornofilmen nacherzählen, während sie vor ihrem Schachbrett sitzen, den Säufern, Abergläubischen und Gläubigen, tummelt sich Sascha Neimann.

Sascha heißt eigentlich Alexandra, ist siebzehn und sagt gleich zu Beginn von Alina Bronskys Debütroman: „Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat.“ Zwei sind es genau genommen: Sie will ihren Stiefvater töten, der zurzeit noch im Gefängnis sitzt, weil er Saschas Mutter und dessen Liebhaber erschossen hat. Und sie will ein Buch über ihre Mutter schreiben. Es ist dies möglicherweise das Buch, das wir hier vor uns haben: „Scherbenpark“.

Bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur erntete Alina Bronsky, 1978 im russischen Jekaterinburg geboren und in Marburg und Darmstadt aufgewachsen, eher kritische Stimmen für ihren Auszug aus „Scherbenpark“. In Kenntnis des gesamten Romans muss man nun feststellen: Alina Bronsky hat durch ihren kleinmädchenhaften Auftritt dem Ganzen nicht nur die Schärfe genommen, sondern zudem die mit Abstand schlechteste Passage des Buches vorgelesen – den Anfang. Denn dort verbindet sich der zunächst eher harmlos erscheinende Plapperton der Ich-Erzählerin Sascha mit einem Phänomen, das am ehesten mit dem Begriff „Migrantenfolklore“ treffend beschrieben wäre. Das liegt daran, dass Alina Bronsky nach dem gewaltsamen Tod der Mutter eine Tante aus Sibirien auf der Bildfläche erscheinen lässt, die sich von nun an um Sascha und ihre beiden Geschwister kümmern wird. Diese Figur, die zu Beginn ausgiebig eingeführt wird, ist vollgestopft mit Mütterlein-Russland-Klischees; danach jedoch wird aus „Scherbenpark“ ein nicht durchgängig gelungenes, aber doch bemerkenswertes Debüt. Die Nominierung für den „Aspekte“-Literaturpreis kommt deshalb nicht ganz aus dem Nichts.

Dabei ist es nicht das Große, das Tösende, das es auch gibt in diesem Roman und manchmal zu viel davon, was ihm seinen Reiz verleiht; vielmehr sind es die Details, aus denen Bronsky die Lebenswirklichkeit einer unterprivilegierten Migrantengeneration zusammensetzt. Die Details, die Sascha schon in frühen Jahren verstehen lassen, dass sie nicht dazugehört; nicht zu ihren Klassenkameradinnen, die nichts dringender als eine neue Stereoanlage brauchen. Oder ein Pferd. Und das, obwohl Saschas Schulnoten hervorragend sind. Sascha will raus; sie strampelt und flucht, sie schützt sich mit Rohheit, stellt sich immer wieder vor, auf welche grausame Weisen sie ihren Stiefvater aus der Welt schaffen will, hasst die Männer, weil sie für Sascha bislang immer nur im Kontext von Gewalt aufgetaucht sind – und gerät doch unversehens in eine doppelte Liebesbeziehung hinein; mit einem Zeitungsredakteur, bei dem sie sich eigentlich nur über eine gefühlstriefende Reportage über ihren Stiefvater beschweren will, und mit dessen Sohn. Doch Saschas Ausflug in die heile, gehobene Taunuswelt ist nur von kurzer Dauer; dann kehrt sie zurück in den Wohnblock.

„Scherbenpark“ lebt von Alina Bronskys Erzähltempo, von der Atemlosigkeit, der Wut, der Aufgekratztheit der Erzählerin. Von alldem gibt es, zugegeben, hin und wieder etwas zu viel: Als Sascha eines Tages loszieht, um Nähe zu irgendwem zu haben, also Sex, und dabei letztendlich ein Dialog über Miele-Staubsauger herauskommt, ist das ziemlich komisch. Dass ihr Gegenüber sich als NPD-Mitglied herausstellt, das Sascha Peter und seinen Kumpanen im Scherbenpark sozusagen zum Fraß vorwirft, ist vielleicht eine Spur zu dick aufgetragen. Wichtig ist aber, dass Bronskys Debüt immer wieder aufrichtige Momente des Innehaltens, der Schuldgefühle, der Verzweiflung in sich trägt, die meist mit dem Tod der glorifizierten Mutter zu tun haben.

Bei einem Besuch der Eltern von Harry, dem ebenfalls ermordeten Freund der Mutter, sieht Sascha sich im Haus um: „Wenn ich hier aufgewachsen wäre, wäre ich eine ganz andere geworden, denke ich. Ich würde mich nicht prügeln, und ich würde wahrscheinlich auch weniger gnadenlos büffeln, selbst die Sachen, die mich überhaupt nicht interessieren. Ich wäre zum Siegen geboren und müsste mich nicht so verzweifelt abstrampeln, um allen zu beweisen, dass auch ich wer bin.“ Darum geht es, in gleich mehrfacher Hinsicht. Und so ist „Scherbenpark“ der ansprechende Versuch zu zeigen, wie es sich anfühlt, wenn eine vermeintlich Chancenlose den Kampf aufnimmt, um am Ende wer zu sein.

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