Literatur : Schlafen und Erwachen

Dezsö Kosztolányi erzählt vom Zauber der Provinz

Erhard Schütz

Dezsö Kosztolányis „Lerche“ erschien zuerst 1924. Hat man die deutsche Literatur jener Zeit vor Augen, dann wirkt dieser Roman für damalige Verhältnisse merkwürdig zeitentrückt. Das macht ihn haltbar. Und zeigt, welches Potenzial die ungarische Literatur der Zwischenkriegszeit bot. Von Kosztolányi (1885–1936) kennt man vor allem die bohemienhaft skurrilen Abenteuer des Budapester Intellektuellen Kornél Esti. Die „Lerche“ nun handelt von einer Woche im September 1899, in einem ungarischen Provinznest, und ist im Kern streng wie eine Novelle konstruiert.

Lerche, die Tochter des Ehepaars Vajkay, eine altjüngferliche Unschönheit, die zu Hause ein strenges Regiment führt, entschließt sich zu einer Reise in die Puszta. Angesichts dieser unerhörten Wendung leben die beiden Alten auf, gehen ins Theater und ins Restaurant. Sie kauft sich eine neue Handtasche, er betrinkt sich ordentlich. Am Ende kommt die Tochter zurück. Das alte Leben geht weiter, doch alle drei werden nie mehr dieselben sein wie zuvor. Es macht den unwiderstehlichen Reiz des Büchleins aus, wie dieses eingeschlafene Leben in all seiner Provinzialität, aber auch der Sehnsucht nach dem Hauptstädtischen, zum Erwachen geführt wird und ein Panorama von Figuren in seiner ganzen Verschrobenheit die eigene Würde wahrt. In den plastischen Porträts von Honoratioren wie Filous findet sich, was auch die Esti-Episoden ausmacht. Besonders anrührend aber, wie behutsam in diesem Roman das Leben in der Provinz in seiner schwebenden Unlebbarkeit erscheint; als dauerhaftes Nichtglück mit glückhaften Augenblicken.

Nun haben die Leser vor dem Vergnügen die Qual der Wahl zwischen zwei Übersetzungen und Nachworten. Wer wie der Rezensent des Ungarischen nicht mächtig ist, hat keine Vergleichsmöglichkeit hinsichtlich der Nähe zum Original. Die immer wieder vorgenommenen Vergleiche im poetischen Duktus endeten bei bestem Wissen und Gewissen patt. Und die Nachworte? Das von Ilma Rakusa bei Suhrkamp ist nüchtern und informativ, das von Péter Esterházy bei Manesse enthusiastisch, aber nicht so faktenstark. Dafür sind hier die Erläuterungen wiederum ausführlicher. So bleibt am Ende eine reine Geschmacksfrage: repräsentativere Suhrkampästhetik mit gelinde größerem Druckbild oder intimer Manesse-Katechismus mit Schmeichelgriff und Lesebändchen. Erhard Schütz

Dezsö Kosztolányi: Lerche. Roman. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Nachwort von Péter Esterházy. Manesse, Zürich 2007. 302 Seiten, 17, 90 €.

Lerche. Roman. Aus dem Ungarischen v. Heinrich Eisterer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007. 218 Seiten, 14, 80 €.

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