Literatur : Schönheit macht Arbeit

Olja Savicevic erzählt vom Erwachsenwerden

Oliver Ruf

Der Morgen ist hellblau, Mutter legt die Kissen in die Sonne und kocht Eier. Vater streicht den Zaun hinter der Hecke und stellt Gartenzwerge auf. Aus Gorans Zimmer dringt Musik, irgendwo fließt Wasser, und es pfeift der Kaffeetopf. Die Szene hat etwas Idyllisches, doch was heißt das schon, wenn die Erzählerin an jenem Morgen unter der linken Brustwarze einen kleinen harten Knoten ertastet, eine Schrotkugel, die ihr jemand in die Brust geschossen hat.

Olja Savicevic, 1974 in Split geboren, ist in Kroatien als Lyrikerin, Kolumnistin und Kritikerin keine Unbekannte. Als Erzählerin zeigt sie Menschen voller Rastlosigkeit und Fernweh, Figuren, die sich alle im Aufbruch befinden. Zrinka hatte sich in Daryll verliebt und sich damals selbst eine Mail in die Zukunft geschickt: „Vergiss nicht, dich heute mit Daryll im Pavillon zu treffen und ihm zum Geburtstag zu gratulieren! Bring ein Geschenk mit!“ Prospero träumt von Amerika, seit sein Großvater zu seinem zehnten Geburtstag ein weißes T-Shirt mit aufgedruckter amerikanischer Flagge getragen und eine Dose Cola mitgebracht hat.

Erwachsenwerden ist ein großes Thema in Savicevics Erzählungen, in denen es um die „Schönheit des Hungers“ („diese Kraft, die ich in mir habe, wie rein ich innerlich bin und luftig“) und andere Körperlichkeiten geht, die dazu führen, dass man sich in einem Haufen Lumpen, Abfall und Papier vergräbt und Hundefutter isst. Oder dass man das Mädchen Nives als „Badezimmerwesen“ bewundert: „Sie wusch sich, rieb sich mit Cremes ein, schminkte sich, aber nur ein bisschen, damit der Alte nicht Amok lief. Sie bürstete sich ihr Haar. Befestigte Haarspangen, kleine Kämmchen. Probierte Parfums aus, Lippenstifte, Haarlack. Es ist viel Arbeit, ein schönes Mädchen zu sein.“

Eigentümlicherweise schadet so viel Alltag nicht. Das liegt auch daran, dass Savicevic Sonderbares keineswegs ausspart, wenn etwa eine Frau im Supermarkt Wodka und Paprika kauft und einen Mann mitnimmt, der ihr Sklave werden wird. Oder wenn eine rothaarige Kinokartenabreißerin unter dem Mantel ihr „legendäres Z-Kostüm aus Asbest“ trägt und sich im Gepäckraum ihres Yugo ein „Superboard“ befindet: „ein Brett zum Surfen auf dem Wasser, im Schnee und in der Luft“.

Olja Savicevic erzählt geschickt von realen und weniger realen Momenten. Leichtfüßig konfrontiert sie uns mit unerhörten Begebenheiten – einmal idyllisch, dann wieder seltsam fremd. Oliver Ruf

Olja Savicevic: Augustschnee. Erzählungen. Mit einer CD. Aus dem Kroatischen von Blazena Radas. Voland & Quist, Leipzig 2008. 128 Seiten, 17,90 €.

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