Literatur : Schönste Blüte

Porträt einer Dienerin: Manfred Flügge erzählt von den vier Leben der Marta Feuchtwanger

Winfried F. Schoeller

Noch mit neunzig Jahren war sie eine eindrucksvolle Frau. Statuarisch thronte sie in einem Sessel, redete von der Vergangenheit, als sei sie eben geschehen, und verkörperte den Glamour von früher. 1891 geboren, war Marta Löffler die Tochter eines jüdischen Tuchhändlers aus München, ihr Bayrisch hat sie niemals abgestreift. Als sie 1910 Lion Feuchtwanger kennenlernte, begegnete sie einer Skandalfigur: Seine Spielsucht und Schulden sowie seine erotischen Eskapaden machten Zeitungsschlagzeilen. Geheiratet wurde 1912, ein Kind war unterwegs. Das Paar hielt sich in Südeuropa auf, wollte nicht zurück, vagabundierte durch Italien, das Kind starb. Der Krieg beendete ihre Wanderjahre; Lion wurde verhaftet, Marta rettete sein Leben mit viel List und brachte ihn sicher durch den Ersten Weltkrieg.

In München war sie eine auffallende Erscheinung, wurde abwechselnd als indische Prinzessin, Chinesin, Kreolin aus Martinique, Amazone, Indianer squaw und Königin der Nacht verehrt. Aber sie wertete nicht nur Lion Feuchtwangers Stellung auf, sie arbeitete auch seine Manuskripte durch. Bis 1933 hatte sie ebenfalls einige Affären, nicht nur der sexbesessene Lion, doch sie notierte nicht wie er jede Nummer ins Tagebuch.

Die offene Ehe und die vereinbarte Freizügigkeit schützten sie freilich nicht vor heftigen Eifersuchtsanfällen und Streitlust. Flügge gelingt es in seiner Biograpgie „Die vier Leben der Marta Feuchtwanger“, die zum 50. Todestag ihres Mannes am heutigen Sonntag erscheint, den Anekdotenstoff um literarische Erfolge, Bizarrerien des hohen Paares, mondäne Auftritte und unverhohlene Amouren nobel zu summieren.

Marta, die nie einen Beruf erlernt hatte, war von ihrem Mann zeitlebens finanziell abhängig, führte alles in allem eine dienende Existenz. Aber sie unterwarf sich keinem Muster und gewann gerade dadurch ihre Freiheit. Flügge porträtiert mit Marta Feuchtwanger gerade die Frau, die jeden Rahmen sprengte: „Sie war eine der schönsten Blüten dieser großen, kritischen Epoche mit ihrem falschen Glanz. Sie war eine freie, elegante, vielbeachtete Frau, sie hatte ihr Auto, ihren Wintersport, ihre eigenen Freunde und Bewunderer. Sie war eine renommierte Gastgeberin in einem originellen Haus. So hätte es weitergehen können.“ So jedoch ging es nicht weiter. 1933 wurde ihre Villa im Grunewald geplündert, das Exil veränderte alles, forderte von ihr andere Fähigkeiten, die, so Flügge, aus ihr „eine legendäre Gestalt“ machten. In Sanary an der Riviera, zeitweilig ein Zentrum deutscher Exilliteraten und Künstler, gelang es ihr, wiederum ein großes Haus zu führen, die Flüchtlinge um sich zu scharen.

Spätestens im Juni1940, nach der Kapitulation Frankreichs, war Martas strategisches Vermögen gefragt: Lion Feuchtwanger, in Les Milles internierter Lieblingsgegner der Nazis und von der Auslieferung bedroht, wurde von ihr mit Hilfe eines amerikanischen Diplomaten aus dem Lager gerettet. In Los Angeles gelang es ihr, nach München, Berlin und Sanary noch einmal ein bewundertes Eldorado des Lebensstils auszubauen. In Pacific Palisades, unweit von Thomas Manns Villa, stattete sie eine verfallende Latifundie im spanischen Stil, die später so genannte „Villa Aurora“, zu einer internationalen Bühne aus. 47 Jahre, die Hälfte ihres Lebens, bis zu ihrem Tod 1987, verbrachte sie in Amerika. Im achtzehnten amerikanischen Jahr starb Lion Feuchtwanger, der Weltautor, an ihrer Seite.

Es gab für sie noch eine Aussöhnung mit den Deutschen, die viel beachteten, triumphalen Besuche in Berlin und München. Marta Feuchtwanger, Hauptfigur eines Lebensarrangements, Gastgeberin, Stil-Ikone, hat ihrem Mann auf diese Weise zweimal das Leben gerettet. Am Schluss war sie damit beschäftigt, sein Erbe zu bewahren. Ohne ihre Präsenz wäre ihm kaum der der anhaltende Publikumserfolg beschieden gewesen, den er mit seinen Gesellschaftsromanen hatte, insbesondere mit der „Wartesaal“-Trilogie und ihren Teilen „Erfolg“, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“ über den Weg von der Weimarer Republik in die Barbarei der NS-Zeit.

Manfred Flügge beleuchtet seine Heldin mit Gespür für Episodenlichter, weiß sich seines Materials sicher, holt die Majestät großer Augenblicke und verschwenderischer Gesten aus den Schablonen. Das ist weit mehr als sie sich selbst an Selbstdarstellung in ihren Memoiren „Nur eine Frau“ gegönnt hat.

Manfred Flügge: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 422 Seiten, 24,95 €.

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