SCHREIB Waren : Anleitung für Städtebewohner

Städte sind nervöse Gebilde. Das sieht man besonders dann, wenn sie nicht richtig funktionieren. Etwa wenn das urbane Verkehrssystem kollabiert. Steffen Richter empfiehlt Walter Benjamin zum S-Bahn-Chaos.

Steffen Richter

Der Soziologe Georg Simmel hatte dem Großstädter vor gut 100 Jahren eine „Steigerung des Nervenlebens“ attestiert – wegen der Reizüberflutung. Angesichts des Berliner S-Bahn-Chaos würde sich Simmel bestätigt fühlen. Die Leute auf den Bahnhöfen wirken tatsächlich nervös.

Dass nun die Ost-West-Verbindung zwischen Zoologischem Garten und Ostbahnhof gekappt ist, dürfte zudem ungute Erinnerungen heraufbeschwören. Bis zum Mauerbau war die S-Bahn die „einzige offene Stelle Ostdeutschlands“, wie Uwe Johnson es nannte. Er beschrieb sie als einen der besten Orte, zwei Gesellschaftssysteme und ihre Grenze zu beschreiben. Damit war es am 13. August 1961 vorbei – Schienen wurden demontiert, Eisenpfähle eingerammt. Und weil die gesamte S-Bahn der Ostberliner Reichsbahndirektion unterstellt war, riefen der DGB und der Regierende Bürgermeister zum Boykott der Züge auf, die im Westen verkehrten. Die Folge: Die BVG mietete Busse, um parallel zur „kommunistischen“ S-Bahn Linien einzurichten – finanziell war das Ganze ein Desaster. Der damalige Boykott hat, will man Uwe Johnson glauben, dem Westen mehr geschadet als dem Osten. Das aktuelle Szenario jedenfalls, in dem die BVG für die S-Bahn einspringen soll, ist nicht ganz neu.

Faszinierend bleibt aber – freilich nur, wenn man auf die Bahn nicht unbedingt angewiesen ist –, wie schnell man noch heute den Organismus einer Stadt wie Berlin stören und ihr Leben aus dem Tritt bringen kann. Für die hochsensible Maschine Großstadt hatte Walter Benjamin ein waches Gespür. Man könnte sogar sagen, dass seine Poetik der „Kleinen Form“, also etwa des Feuilletons oder des Aphorismus, eine sehr urbane Poetik ist, die in Berlin ihren Ursprung hat. Wie dieses Berlin, speziell Charlottenburg um den Savignyplatz herum, aussah, steht in Benjamins autobiografischem Text „Berliner Kindheit um 1900“. Um dieses schmale Bändchen und die philosophischen Aphorismen „Einbahnstraße“ geht es am heutigen Dienstag (20 Uhr) im Brecht-Haus (Chausseestr. 125, Mitte).

Natürlich kann man Benjamin seit 30 Jahren einen Mode-Intellektuellen nennen. Doch das heißt nur, dass seine Ideen derart widerborstig sind, dass sie sich nicht abnutzen. Ihre Modernität vergeht einfach nicht – weshalb das Brecht-Haus noch bis Donnerstag eine ganze Benjamin-Woche eingerichtet hat (Infos unter www.lfbrecht.de/event/).

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