SCHREIB Waren : Es lebe der Tod!

Steffen Richter hat ein Mordsvergnügen an guten Krimis.

Steffen Richter

Manchmal, wenn ein Klappentext in Geständnislaune ist, dann gibt er verschämt zu: Ja, liebe Leser, in diesem Buch geschieht tatsächlich ein Verbrechen. Und es gibt einen, der es aufklärt. Aber trotzdem sei das Ganze selbstverständlich „viel mehr als ein Kriminalroman“. Nein, möchte man rufen, alles falsch! Der Kriminalroman, verehrte Verächter des Genres, war in seinen Anfängen hochliterarische Rätselprosa, seine Protagonisten hießen Edgar Allan Poe und E. T. A. Hoffmann – alles klar? Leute wie Brecht, Bloch, Benjamin oder Borges haben sich ihre klugen Köpfe über den Krimi zerbrochen. Auch heute ist er – in seinen besten Momenten – feinsinnige psychologische Studie, Landeskunde auf hohem Niveau, brillantes Spiel mit literarischen Mustern, kritisches Gesellschaftsporträt. Zudem ist der Krimi oft ein operatives Genre, das politische Schieflagen aufs Tableau bringt, lange bevor sie in die sogenannte Hochliteratur einsickern.

Natürlich: Es gibt genauso schreckliche Krimis, wie es miserable Romane gibt. Und wenn jemand glaubt, es genüge, einen Toten in pittoresker Landschaft zu drapieren und sich dabei um die Stimmigkeit sprachlicher Bilder nicht scheren zu müssen, ist das ein Irrtum. Richtig gute Live-Krimiliteratur bieten die ersten Krimi-Tage Berlin (28.10.–1.11.): 40 Lesungen mit 20 Autoren an 17 Orten. Unter www.krimi-tage-berlin.de sollte man das Programm konsultieren, um bei zeitgleichen Lesungen nichts zu verpassen – etwa die neue deutsche „Queen of Crime“, die man kaum vorstellen muss: Andrea Maria Schenkel findet sich seit Wochen auf der Krimi-Welt-Bestenliste einer Expertenjury ebenso wie auf der Spiegel-Bestsellerliste. Wohl auch, weil gekonnte Dramaturgie und grandiose Spracharbeit bei ihr eine glückliche Liaison eingehen. Heute (20 Uhr) präsentiert sie die Geschichte des Josef „Kalteis“ (Edition Nautilus), eines Münchner Frauenmörders der 30er Jahre, in der Kulturbrauerei (Sodasalon, Gebäude 4.1, Schönhauser Allee 36).

Morgen (31.10., 20 Uhr) seziert Bruno Morchio in „Kalter Wind in Genua“ (Unionsverlag) das gegenwärtige Italien und die Lage der Linken nach dem Schock der G-8-Gipfel-Krawalle von Genua. Wenn Morchio in die Universum-Lounge kommt (Kurfürstendamm 153, Charlottenburg), ist Schluss mit Belpaese- Kitsch. Friedrich Ani, bekannt für seinen Vermisstensucher Tabor Süden, liest am 1.11. (20 Uhr) in Le Nouveau Paris Bar (Kantstraße 152, Charlottenburg) aus „Hinter blinden Fenstern“, seinem zweiten Roman um den Ex-Mönch und Kommissar Polonius Fischer. Nicht zu vergessen den Österreicher Heinrich Steinfest, die Afrikareisende Lena Blaudez, Rainer Gross, Frank Göhre und vor allem die isländischen Autoren mit Arnaldur Indridason an der Spitze, die den Schwerpunkt dieser ersten Krimi-Tage bilden. Nur am Rande sei erwähnt, dass der Buchhandel 20 Prozent seines Umsatzes mit Kriminalliteratur bestreitet. Und dass das krisensichere Genre vermutlich weiter boomt, hat eine Menge mit der Wirklichkeit zu tun.

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