SCHREIB Waren : Krach der Kulturen

Neapel ist für einen wahren Römer fast so fern wie Afrika. Steffen Richter freut sich über widerborstige italienische Autoren.

Steffen Richter

Wäre allein eine hohe Wahlbeteiligung Ausweis einer ausgeprägten demokratischen Kultur, müsste man Italien für einen demokratischen Musterstaat halten. Traditionell gehen dort viele wählen, gerade haben zwei Drittel in Sachen Europa abgestimmt. Der europäische Schnitt lag bei etwa 43 Prozent. Das größte Rätsel ist, wie es eine Opposition schafft, selbst gegen die aktuelle Regierung schlecht auszusehen.

Es gab selten einen Ministerpräsidenten, der Kommentatoren und Glossenschreiber in höherer Frequenz mit immer neuen, unglaublichen Stoffen versorgt hätte. Dennoch gewinnt der Mann Wahlen. Nun hat er auch noch dem nicht eben lupenreinen Demokraten Muammar al-Gaddafi „tiefe Weisheit“ attestiert und sich im Gegenzug einen „eisernen Mann“ nennen lassen. Mit dem Geld, das Italien seiner ehemaligen Kolonie als Entschädigung zahlt, soll Libyen freilich nicht zuletzt afrikanische Bootsflüchtlinge fernhalten, die auf der Isola di Lampedusa vor Sizilien anlanden.

Der Schriftsteller Amara Lakhous dürfte da genau hingehört haben. Lakhous ist 1995 aus dem Bürgerkriegs-Algerien nach Italien geflohen und hat einen Roman geschrieben, der ein kleines Kultbuch geworden ist und bereits verfilmt wurde. In „Krach der Kulturen um einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio“ versuchen die Einwohner eines römischen Hauses zu klären, wie just in ihrer Mitte ein Mord geschehen konnte. Dazu lässt Lakhous Leute aus dem Iran, Peru und Holland sowie Mailand und Neapel (was für Römer gleichermaßen fremd zu sein scheint) über ihre unterschiedlichen Lebensformen sowie Sauberkeit und Benutzungsmodalitäten italienischer Fahrstühle debattieren. Was Lakhous’ Buch zu einem Stück wahrhaft migrantischer Literatur macht, ist jedoch seine Editionsgeschichte: Wir lesen die deutsche Version eines ins Italienische übersetzten und für italienische Leser umgeschriebenen Romans, der ursprünglich auf Arabisch verfasst wurde. Was da mit einem Buch passiert, kann man Lakhous am 16.6. (20 Uhr) in der Kreuzberger Buchhandlung Dante-Connection (Oranienstr. 165a) fragen.

Wo aber bleibt das Positive? Positiv ist doch, dass solche Bücher in Italien Erfolge werden können. Positiv ist auch, dass italienische Kultur am Austausch mit Europa interessiert bleibt. Sogar die Kandidaten für einen der wichtigsten Literaturpreise, den Premio Strega, stellen sich dem Berliner Publikum vor. Keine Woche nach Bekanntgabe der „short list“ kann man die fünf Finalisten am 18.6. (18 Uhr 30) in der Berliner Stadtbibliothek (Breite Straße 30-36, Mitte) erleben. Einige – wie Tiziano Scarpa oder Andrea Vitali – sind bei uns bereits bekannte Namen. Ist doch toll, dass sie kommen! Aber was bedeutet das? Böse Zungen behaupten, Italien sorge sich um seinen Ruf in Europa.

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