SCHREIB Waren : Krieg dem Frieden!

Reinhard Jirgl ist anstrengend und wird verehrt. Steffen Richter feiert eine Zumutung im Literaturbetrieb.

Steffen Richter

Reinhard Jirgl ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Vielleicht der außergewöhnlichste in der aktuellen deutschsprachigen Literatur. Was er schreibt, wird im Feuilleton regelmäßig als „Zumutung“ bezeichnet. Gleichzeitig aber verehrt ein Großteil dieses Feuilletons seine Bücher. Oh ja, Jirgl schreibt anstrengende Romane! Als er begann, sie zu veröffentlichen, war Anstrengung in der Literatur gerade ziemlich aus der Mode. Schließlich waren die 90er Jahre angetreten, deutschsprachige Literatur lesbarer und lustvoller zu machen. Am liebsten hatten es die Verlage, wenn man so schrieb „wie die Amerikaner“. Sah der Stil irgendwie „amerikanisch“ aus, am besten wie Raymond Carver, wurde daraus oft ein Erfolg – siehe Judith Hermann oder Ingo Schulze.

In dieser Gemengelage begann der in Ostberlin geborene Reinhard Jirgl zu publizieren. Der studierte Ingenieur, anschließend Beleuchter an der Berliner Volksbühne, hatte in der DDR lange für die Schublade geschrieben. Sein erstes Buch, der „Mutter Vater Roman“, erschien kurz nach dem Mauerfall in Gerhard Wolfs neuer Reihe „Außer der Reihe“ im Aufbau-Verlag und rauschte mit Karacho an Publikum und Markt vorbei. Dabei war dieser Debütroman über die Kriegs- und Nachkriegsjahre schon ein tolles Stück, Heiner Müller en prose, könnte man sagen. Dazu kam bereits hier Jirgls spielerisch-experimentierfreudige Privatsprache à la James Joyce und Arno Schmidt. Man schreibe also „1=für=Allemal“ statt „ein für alle Mal“ oder „Moneypulationen“ statt „Manipulationen“. In Zeiten süffigen, lustvollen Erzählens erinnert dieses Verfahren wohltuend an die Erkenntnis, dass Schrift ein erstaunlich komplexes Zeichensystem ist und das Leben nicht unmittelbar aufs Papier fließt. Wenn man Jirgl aber lesen hört, spielen diese Besonderheiten ohnehin keine Rolle. Was bleibt, ist eine mit großer Sprachmacht vorgetragene Geschichte.

In Jirgls aktuellem Roman Die Stille (Hanser) geht es einmal mehr um deutsche Geschichte – erzählt anhand von Fotografien. Zwei Familien, eine aus Ostpreußen, die andere aus der Niederlausitz, bekommen es mit fünf gesellschaftlichen Systemen zu tun: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Deutschland, DDR und die wiedervereinigte Bundesrepublik. Und es geht – „DERKRIEG ist immer=da Auch wenn er manchmal aussieht wie Frieden“ – um Gewalt in diesem 20. Jahrhundert. Reinhard Jirgl kann man am heutigen Dienstag im Literarischen Colloquium am Wannsee erleben (Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 20 Uhr). Der Avantgardist mit den ach so ungenießbaren Büchern ist im Literaturbetrieb mit seinen Preisen, Stipendien und Lesungen erstaunlich präsent. Das spricht wohl eher für den Betrieb, nicht gegen den Autor.

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