SCHREIB Waren : Neben der Spur

Steffen Richter entdeckt das literarische Potenzial der Eisenbahn

Steffen Richter

Unglaublich, wie jetzt wieder an der Deutschen Bahn herumgenörgelt wird. Dabei sollte man ihr eigentlich dankbar sein. Dankbar für die Stabilität, die sie ins unstete moderne Leben bringt: Auf wenig ist mehr Verlass als auf die nächste Preiserhöhung, und auch die nächste Verspätung (mit oder ohne Streik) kann man zuverlässig einkalkulieren. Aber Spaß beiseite: Dankbar sein sollte wenigstens die Literatur, denn ohne Eisenbahn gäbe es einige gute Bücher weniger.

Natürlich denkt man sofort an Jules Vernes „Reise um die Erde in 80 Tagen“, die teilweise auf Schienen stattfindet. Hier lässt sich studieren, was die Bahn in ihrer Frühzeit war: Ausgeburt und Mittel der Industrialisierung, Vehikel des Kolonialismus und früher Agent der Globalisierung. Man denkt an berühmte Eisenbahngeschichten von Charles Dickens und Émile Zola oder an Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ – an jenen luxuriösen Zug, der zwischen Paris und Istanbul verkehrt, in einer Schneewehe auf dem Balkan stecken bleibt und zum Schauplatz eines kollektiv verübten Rachemordes wird. An die Streckenführung von Christies Simplon-Orient- Express schließt übrigens die berühmte Bagdadbahn an, die die Türkei mit dem Irak verbindet – erbaut zwischen 1903 und 1940, maßgeblich finanziert von der Deutschen Bank und ausgestattet mit Schienen und Lokomotiven von Firmen wie Krupp und Borsig. Mag sein, dass der Spanier Manuel Forcano auf dieser Strecke unterwegs war, um Material für seinen Lyrikband „Der Zug nach Bagdad“ (Elfenbein Verlag) zu sammeln. Dabei soll ein Bild des Orients (und vor allem Bagdads) entstanden sein, das quer liegt zu gegenwärtigen politischen Zuschreibungen. Und da Forcano selbst Dozent für Hebräisch und Aramäisch an der Universität von Barcelona war, dürfte in seinen Gedichten für Orientalismusprojektionen und Tausend-und-eine-NachtKitsch kaum Raum sein. Heute (19 Uhr) kann man ihn beim katalanisch-deutschen Verstransfer Barcelona–Berlin gemeinsam mit anderen Lyrikern in der Literaturwerkstatt erleben (Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg).

Dass man als renommierter Dichter auch erfolgreich Eisenbahnprosa schreiben kann, hat gerade erst Lutz Seiler gezeigt. „Turksib“ heißt der Textauszug, der ihm den Bachmann-Preis einbrachte. Turksib, das ist die Turkestan-Sibirische Eisenbahn, ein Anschlussstück der berühmteren Transsibirischen Bahn zwischen Moskau und Wladiwostok. Die Turksib führt von Russland nach Kasachstan, vom Okzident in den Orient – und zwar durch die radioaktiv verstrahlte Steppe. Deswegen hat Seilers Reisender sich für 100 Rubel einen Geigerzähler zugelegt, den er seinen „kleinen Erzähler“ nennt. Und zu erzählen gibt es viel: von Verständigung und Missverständnis, von Kommunikation und Konfrontation, von Spurenelementen der DDR und der Sowjetunion in der Gegenwart. Seiler, übrigens nicht nur ein hervorragender Schreiber, sondern auch ein ausgezeichneter Vorleser, kommt heute (19 Uhr) ins Brecht-Haus (Chausseestraße125, Mitte).

Bei all den feinen Büchern, die sich nicht zuletzt der Eisenbahn verdanken, wird man innerlich ganz milde gestimmt und fast mit der Deutschen Bahn ausgesöhnt. Dennoch sollte, wer dieser Tage einen Termin auf der Frankfurter Buchmesse hat, lieber einen Zug früher nehmen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben