SCHREIB Waren : Wie der Westen zum Osten wird

Wanderungen des 20. Jahrhunderts: Steffen Richter reist von Russland nach Deutschland und Schanghai.

Steffen Richter

In der „Odyssee“, dem Grundbuch der europäischen Migration, geht das so: Einer zieht aus, erledigt Aufgaben, kehrt wieder heim. Dort erkennt man ihn kaum wieder. Das ist aber nur ein Vorgeschmack auf die Wanderungen des 20. Jahrhunderts. Nehmen wir die Russlanddeutschen. In Russland galten sie oft als Deutsche, wurden unter Stalin als „innere Feinde“ verfolgt und in den Osten deportiert. Seit den sechziger Jahren sind viele von ihnen in beide deutsche Staaten zurückgekehrt. Hier aber gelten sie als Russen. Eine solche Geschichte erzählt die aus Kasachstan gebürtige Eleonora Hummel in ihrem Buch „Die Venus im Fenster“. Es spielt auf dem Berliner Ostbahnhof, wo die Protagonistin ihre Schwester erwartet, die sich nach Jahren auch zur Übersiedlung in die Bundesrepublik entschlossen hat. Beim Warten erinnert sie sich daran, wie sie selbst Anfang der achtziger Jahre aus Kasachstan in den „Westen“ kam, nach Dresden, und wie dieser „Westen“ sich als „Osten“ entpuppte. Hummel liest heute um 20 Uhr im LCB (Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Über eine andere Flucht, die aus Nazi-Deutschland, glaubt man alles zu wissen. Diesen Irrtum berichtigt Ursula Krechel mit „Shanghai fern von wo“: Nach der Reichspogromnacht 1938 bestiegen 18 000 Juden Schiffe nach Shanghai – weil man für diesen ostchinesischen Zufluchtsort kein Visum benötigte. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Berufe wurden hier ghettoisiert. Diese Geschichte stellt Krechel mit Uwe Timm am 26.8. um 20 Uhr im LCB vor. Einige der geflüchteten Juden und Kommunisten aus ihrem Tatsachenroman sind nach dem Krieg übrigens nach Deutschland zurückgekehrt. Dort trafen sie auf eine finstere Wiedergutmachungsbürokratie. Auch hier gilt: Die Rückkehr ist oft schwieriger als die Ausreise.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben