SCHREIB Waren : Wo sind die Käse-Igel geblieben?

Andreas Schäfer trauert um verschwundene Dinge

Andreas Schäfer

Vor einigen Jahren erschien das amüsante „Lexikon der bedrohten Wörter“, in dem der Autor Bodo Mrozek die Herkunft von Wörtern, die langsam aus unserem Sprachgebrauch verschwinden, nachgezeichnet hat. Man konnte zum Beispiel erfahren, wie, wann und warum Wörter wie „Testbild“, „Schlüpfer“, „Tamagotchi“ oder „Beziehungskiste“ aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden. Das Buch war so erfolgreich, dass nicht nur eine Fortsetzung erschien, sondern auch eine Website (www.bedrohte-woerter.de) eingerichtet wurde, auf der Leser tausende bedrohte Wörter eingetragen haben und es bis heute weiter tun.

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis auch ein „Lexikon der verschwundenen Dinge“ herauskommen würde. Volker Wieprecht und Robert Skuppin, die beiden Radio-Eins-Moderatoren, wollten nicht mehr kommentarlos hinnehmen, dass liebgewonnene Objekte und vertraute Bestandteile unseres Lebens einfach verschwinden. „Deshalb will dieses Buch entlarven, offenlegen, es möchte schreien, am liebsten sehr, sehr laut: Wo seid ihr, all ihr Monokassettenrekorder und Schreibmaschinen? Wo sind sie, die Käseigel, die Ado-Gardinen mit Goldrand, die Fahrradflicken. Und was ist aus dem guten alten Schweinesystem geworden?“ Am Mittwoch, den 29. April werden die beiden diesen und anderen Dingen bei der Buchpremiere im Kino Babylon (Rosa-Luxemburg-Straße 30, 20 Uhr) ein paar vermutlich amüsante Tränen nachweinen. Apropos Nostalgie: Ebenfalls am 29. April spricht Michel Friedman mit dem Managementberater und Hobbypiloten Klaus-Jürgen Grün im Logenhaus über „Angst. Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls“ (Emser Straße 12, 19 Uhr 30).

Nicht nur Wörter und Dinge verschwinden, auch Klischees kommen und gehen wieder. Ich dachte zum Beispiel, dass Stereotypen wie „der schwule Friseur“ oder „die Truck fahrende Hardcore-Lesbe“ längst ausgestorben sind oder höchstens als geschminkte Leichen in Vorabendserien ein tristes Schattendasein fristen. Dabei wandern sie noch äußerst lebendig durch die ,heterosexuelle‘ Literatur, behauptet zumindest eine Gesprächsrunde heute Abend in der Literaturwerkstatt (Knaakstraße 97, 20 Uhr) unter dem Motto: „Über die Schwierigkeiten der deutschen Literatur mit der Homosexualität“. Es lesen und diskutieren Christina von Braun, Claudia Klischat, Inge Stephan, Joachim Helfer und Michael Lentz.

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