Schreibwaren : Bitterfelder Wegweiser

Steffen Richter freut sich über den später Triumph einer DDR-Parole.

Steffen Richter

Bis auf weiteres wird der Name Nachterstedt wohl mit einem Alptraum verbunden bleiben. Schließlich ist es eine Ur-Erfahrung von Unsicherheit, wenn der Boden, auf dem man steht, nicht mehr sicher ist und nachgibt. Vor einem halben Jahrhundert, 1955, hatte der kleine Ort im Harzvorland schon einmal für Schlagzeilen gesorgt. Da schrieben die Kumpel des Braunkohlewerks Nachterstedt den DDR-Schriftstellern einen Brief. Darin hieß es, dass die Arbeiter gern „mehr Bücher über den gewaltigen Aufbau“ und das „Schaffen und Leben der Werktätigen“ lesen würden. Das Schreiben ging als „Nachterstedter Brief“ in die Literaturgeschichte ein und gilt als Etappe zum „Bitterfelder Weg“. Schriftsteller sollten das Leben in der Produktion kennenlernen. Arbeiter sollten selbst schreiben.

Monika Marons Roman „Flugasche“ durfte 1981 in der DDR natürlich nicht erscheinen. Warum? Weil darin eine Journalistin eine Reportage über Bitterfeld schreiben soll, deren Quintessenz lauten müsste: „die schmutzigste Stadt Europas“. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert hat Monika Maron nun ihren „Bitterfelder Bogen“ (S. Fischer Verlag) geschlagen. Sie ist in die Stadt zurückgekehrt und weiß Erstaunliches zu berichten: Der Ort mit dem miesesten Image des Ostens könnte als Paradebeispiel für den Aufbau Ost dienen. Unter den mehr als 300 Unternehmen, die sich dort angesiedelt haben, befindet sich auch der weltweit größte Solarzellenhersteller Q-Cells – eine börsennotierte Firma, die der Westberliner Atomstromgegner und findige Öko-Aktivist Reiner Lemoine in den siebziger Jahren gegründet hatte.

Damit wäre es auf ostdeutschem Boden endlich erreicht, das „Klassenziel Weltniveau“. Monika Maron liest heute (20 Uhr) im Literarischen Colloquium am Wannsee (Am Sandwerder 5).

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