SCHREIB Waren : Der deutsche Don Quijote

Steffen Richter über das gewachsene Ansehen von Übersetzern

Steffen Richter

Neulich in Durham, North Carolina: Jonathan Galassi, als Chef von Farrar, Straus and Giroux einer der wichtigsten amerikanischen Verleger, und sein Kollege David Godine unterhalten sich auf einer Konferenz über Literaturübersetzungen. Er ließe nur übersetzen, was es in den USA so nicht gibt, meint Godine. Und Galassi gesteht, dass das Übersetzen in den USA gern sogar heruntergespielt werde. Nur nicht die Originalsprache oder Übersetzernamen an prominenter Stelle nennen! Das könnte die Kaufhürde erhöhen!

Da geht’s uns doch gold. Die Zahl der Übersetzungen ins Deutsche ist gestiegen, übersetzte Bücher bestücken die Bestsellerlisten. Und ganz langsam entwickelt sich gar ein prinzipielles „Übersetzungsbewusstsein“. Man beginnt zu begreifen, dass der deutsche „Moby Dick“ nicht von Melville, sondern vom kürzlich verstorbenen Matthias Jendis, und der jüngst bei Hanser veröffentlichte letzte deutsche „Don Quijote“ nicht von Cervantes, sondern von Susanne Lange stammen. Und dass Übersetzer Urheberrechte an ihren Texten besitzen. Ein solcher Bewusstseinswandel braucht Aufmerksamkeit. Deshalb ist es gut, dass es den Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gibt (benannt nach dem berühmtesten Homer-Übersetzer). Und dass Susanne Lange ihn am Sonntag (11 Uhr) im Rahmen der Frühjahrstagung der Akademie für „ihren“ „Don Quijote“ erhält (Stadtmuseum Berlin, Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Mitte). Zugleich ist der Fall typisch: Übersetzerpreise gehen regelmäßig an Neuübersetzungen amtlich geprüfter Klassiker. Die ebenso große Herausforderung, neue Gegenwartsliteratur erstmals ins Deutsche zu bringen, war bislang weniger preiswürdig. Umso erfreulicher, dass im Haus der Kulturen der Welt gerade der „Internationale Literaturpreis“ als ein Preis für Erstübersetzungen ins Leben gerufen wurde. Sowohl der ausländische Autor als auch der Übersetzer sollen Preisgelder bekommen – erstmals in diesem September.

Wie Autor und Übersetzerin im Fall der Lyrik kooperieren, kann man am 25.5. (20 Uhr) in der Literaturwerkstatt beobachten (Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg). Dort trifft Peter Waterhouse, Autor und Übersetzer, unter dem Titel „Gegenübersetzungen“ auf Camilla Miglio, die seine Gedichte „Blumen“ ins Italienische übertragen hat. Im Unterschied zu Miglio, die an der Universität Neapel arbeitet, sind die meisten deutschen Literaturübersetzer aber Freiberufler. Und die dürften gespannt auf den 18. Juni erwarten. Dann wird der lange Streit zwischen Übersetzern und Verlegern über eine „angemessene Vergütung“ vor dem Bundesgerichtshof verhandelt. Und dann zeigt sich, wie weit das „Übersetzungsbewusstsein“ hierzulande wirklich reicht.

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