Schreibwaren : Die Hölle im Himmel

Die Berliner S-Bahn ist in der Krise, die Zeitung ist in der Krise, der Radsport ist in der Krise. Von den Weltfinanzen, der Regierung von Honduras und dem Iran ganz zu schweigen. Steffen Richter sucht nach Krisenzeichen im Literaturbetrieb.

Steffen Richter

Krise ist längst keine Ausnahmesituation mehr, sondern Routine. Dazu kommt, dass Krisen in einem wohlhabenden Land wie der Bundesrepublik meist etwas Relatives haben. Geht es uns nicht prächtig – trotz allem?

Tatsächlich, es fällt nicht leicht, sich eine Krise in, sagen wir, BadenWürttemberg vorzustellen. Zumindest von Neukölln aus gesehen ist Stuttgart der Inbegriff der heilen Welt. Stimmt gar nicht, sagt Anna Katharina Hahn. Das schöne Leben, das sich gegen alles Unheile abdichtet, kaschiert ein geradezu monströses Krisenpotenzial. Da sind zwei Frauen, die sich einen Wettkampf um den Titel „Beste Mutti“ liefern. Alles gehorcht einer Mechanik der Überbietung und Optimierung – perfekt soll es sein. Hier Waldorfpädagogik und Psychopharmaka, da erfolgreiche Karriere und Neid auf Zeit. Es ist die Generation der (westdeutschen) Dreißig- bis Vierzigjährigen, die weitgehend verschont von großen Krisen ein laues Leben führt und nur undeutlich wahrnimmt, dass die Krise genau darin besteht: luxuriöse Übersättigung. Das Besondere an Hahns „Kürzere Tage“ (Suhrkamp) ist, dass die Diagnose nicht zur Denunziation führt. Ihren bemerkenswerten Debütroman stellt sie heute (20 Uhr) im Literarischen Colloquium vor (Am Sandwerder 5). Ihr LesePartner wird Patrick Findeis sein, der mit „Kein schöner Land“ (DVA) einen anderen Süddeutschland-Roman geschrieben hat. Hier geht es nicht um die Stadt, sondern ums Ländliche und die Provinz. Und die ist, wie es sich gehört, „die Hölle“. Neu klingt das nicht. Vielleicht ist der deutsche Provinzroman ja auch in der Krise.

Ganz sicher ist es der Buchmarkt, auf dem trotz gestiegener Umsatzzahlen eine gewisse Krisenrhetorik zum guten Ton gehört. Und wer hätte mehr Grund zum Klagen als Kleinverleger? Von der potenteren Konzern-Konkurrenz an die Wand gedrängt, vom Filialbuchhandel aus den Regalen verbannt und von vielen Medien marginalisiert. Gejammert wird trotzdem wenig. Warum? Vermutlich haben die meisten Kleinverleger Spaß an ihrer Arbeit. Da wird gefeiert statt gejammert, und zwar am 18.7. (ab 15 Uhr), ebenfalls im Literarischen Colloquium. Zu den über 20 Kleinverlagen, die sich mit ihren Autoren beim vierten Fest der Kleinen Verlage am Großen Wannsee präsentieren, gehören Blumenbar, Dörlemann, kookbooks, Matthes & Seitz Berlin und der Verbrecherverlag. Krise? Welche Krise?

Übrigens: Anna Katharina Hahns Roman war eines der acht Bücher, die am Freitag in der Erstsendung der neuen TVShow „Die Vorleser“ im Schweinsgalopp vorgestellt wurden. Diese halbe Stunde weichgezeichnete Fernsehunterhaltung mit Einspielfilmchen à la Anne Will bezeugte jedenfalls eins: die anhaltende Krise des Literaturfernsehens. Aber auch die nimmt vermutlich keiner mehr wahr.

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