Schreibwaren : Ein Mann, ein Buch

Was treibt einen Kleinverlag dazu, die gesammelten Werke eines unbekannten, seit 25 Jahren toten Russen zu übersetzen?

Steffen Richter

In Lehrbüchern steht: Ein Verleger beschäftigt Mitarbeiter in Lektorat, Vertrieb oder Presse. In der Wirklichkeit aber gibt es Verleger, die vor allem sich selbst beschäftigen. Klar, meist produzieren diese Ein- oder Zwei-Mann-Betriebe nur wenige Titel. Aber sie sorgen für Furore. Jüngstes Beispiel ist eine Werkausgabe von Warlam Schalamow bei Matthes & Seitz Berlin. Der Name dürfte bisher nur Experten untergekommen sein, in einigen Feuilletons aber steht Schalamow, der eineinhalb Jahrzehnte in Stalins Lagern überlebte, schon jetzt neben Primo Levi und Jorge Semprún. Was treibt einen Kleinverlag dazu, die gesammelten Werke eines unbekannten, seit 25 Jahren toten Russen zu übersetzen? Geld lässt sich da kaum verdienen. Man hält Schalamow wohl einfach für wichtig.

Auch beim Bachmann-Preis haben Kleinverlage gerade drei von fünf Preisen geholt. Neben Jan Böttcher (Kookbooks) erinnert man sich vor allem an PeterLicht (Blumenbar). Man muss nicht für große Literatur halten, was da dieser Mann verlas, der sein Gesicht nicht in die Kameras halten will. In die Annalen wird er vermutlich als eine Art Anti-Goetz eingehen: Ein Vierteljahrhundert Mediengeschichte nach dem berühmten Stirnschlitzen des Rainald Goetz zeigt uns PeterLicht, dass man Aufmerksamkeit heute durch Entzug statt durch Präsenz erzielt.

Nein, PeterLicht wird sein Gesicht auch nicht zeigen, wenn die „Kleinen Verlage am Großen Wannsee“ am 14. Juli ab 15 Uhr ihre zweite „Gartenmesse“ im Literarischen Colloquium abhalten (Am Sandwerder 5, Zehlendorf). Sehen, hören und sprechen kann man dort Kookbook-Lyrik-Stars wie Uljana Wolf, Monika Rinck oder Steffen Popp, dazu Kolja Mensing (Verbrecher Verlag), Bert Papenfuss (Urs Engler) und Milena Oda (Matthes & Seitz). Und natürlich ihre Verleger – von Blumenbar über Dörlemann bis Tropen.

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