Schreibwaren : Kein Wunder von Leipzig

Heute heißt es oft, 1959 sei das Jahr gewesen, in dem die westdeutsche Nachkriegsliteratur zu sich selbst kam. Es reiht sich also ein in den bislang ziemlich überraschungslosen Gedenkmarathon zur Gründung der Bundesrepublik und dem Mauerfall. Steffen Richter über das Gründungsjahr der BRD-Literatur.

Steffen Richter

Damals erschienen Günter Grass’ „Blechtrommel“, Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“ und Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“. Ein Jahr später kam Martin Walser mit „Halbzeit“. Die großen Alten also. Grass feierte gerade ein halbes Jahrhundert „Blechtrommel“, Walser entspricht nach Angaben des Chinesischen Kulturzentrums mittlerweile dem Ideal des „alten Weisen“. Was er und Grass von der Wiedervereinigung halten, haben sie oft mitgeteilt. Was Böll gesagt hätte, kann man sich ausmalen. Wäre noch Johnson.

Dieser Norddeutsche, der in Leipzig bei den akademischen Olympiern Hans Mayer und Ernst Bloch studiert hatte und dann seinen im Osten undruckbaren „Mutmaßungen“ nach Westberlin gefolgt war, hat sich immer gegen das Etikett „Dichter beider Deutschland“ gewehrt. Doch was dieser Moralist, der wirklich viel von Ost und West und vom Umgang mit Schuld wusste, zur wiedervereinigten Republik zu sagen hätte, wäre vermutlich interessanter als das meiste, was seit 20 Jahren zu hören ist.

Eine erste kleine Johnson-Konjunktur gab es nach dem Mauerfall, als Ostdeutsche den Autor entdecken konnten, der ihnen fürsorglich vorenthalten worden war. Ausgelesen ist der Mann jedoch noch lange nicht. Also ist es höchst empfehlenswert, dem Publizisten Wilfried F. Schoeller, der faszinierende Filme über Johnson gedreht hat, am 9.7. (20 Uhr) im Brecht-Haus zu lauschen, wenn er über Johnsons „Schmerz der Grenze“ spricht (Chausseestr. 125, Mitte).

Sicher, das Jahr 1959 ist ein Gründungsmythos der westdeutschen Literatur. Ähnlich wie das „Wunder von Bern“, das Wirtschaftswunder oder die D-Mark. Dass es diese neuen Mythen überhaupt brauchte, wie und warum älteren deutsche Mythen – von den Nibelungen bis Barbarossa – die Kraft zur nationalen Identitätsstiftung abhanden gekommen war, klärt der Politologe Herfried Münkler als Autor von „Die Deutschen und ihre Mythen“ (Rowohlt Berlin) am 13.7. im Brecht-Haus (20 Uhr). Richtig interessant aber ist die Frage, warum der ostdeutsche Protest, die friedliche Revolution des Jahres 1989, nicht zum Gründungsmythos des vereinten Deutschland geworden ist. Hier könnten Perspektiven auf Mauerfall und Wiedervereinigung möglich werden, die wegführen von den seit 20 Jahren ausgetrampelten Wegen.

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