Schreibwaren : O Schweiz, Suisse, Svizzera

Andreas Schäfer wirft ein Auge auf die literarische Alpenrepublik

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Das Haus wird garantiert voll, wenn am nächsten Montag, 8. März, der Schweizer Martin Suter im Babylon Mitte (Rosa-Luxemburg-Straße 30, 20 Uhr) aus seinem neuen Roman „Der Koch“ (Diogenes Verlag) vorliest. Fast seit dem Tag seines Erscheinens rangiert das Buch auf Platz eins aller Bestsellerlisten. Die gut gebauten und unterhaltsam zu lesenden Bücher des ehemaligen Teilhabers einer Werbeagentur verkaufen sich eigentlich immer gut – aber so gut wie „Der Koch“ noch nie. Einige behaupten, das liege nicht nur an der satten Geschichte, in der ein begnadet kochender tamilischer Asylbewerber, Waffengeschäfte und die saturierte Schweizer Gesellschaft die Hauptrollen einnehmen, sondern auch an den vielen Rezepten, die Suter am Buchende auflistet. Die Gerichte haben nämlich betörende Wirkung.

Auch Paul Nizon kommt aus der Schweiz, lebt aber eigentlich schon immer in Paris – und von Suters Erfolg kann er nur träumen. In den siebziger und achtziger Jahren schrieb Nizon, 1929 in Bern geboren, wunderbare Romane wie „Das Jahr der Liebe“, „Stolz“ und die „Capriccios“ genannten Prosastücke „Im Bauch des Wals“. Das Besondere an Nizons Büchern ist die Musikalität der Sprache, die Wahrnehmungsintensität der Figuren, ihr unbedingter Wille zur rauschhaften Verschmelzung mit der Gegenwart – ein Zug, der schon seinem ersten bedeutenden Buch, dem großen Romgesang „Canto“ aus dem Jahr 1963 zu eigen war.

Nizons Sätze streben zum Licht, schrauben sich hinauf und hin zu einem Moment, in dem ein reichlich ungesichertes Schriftsteller-Ich auf glückhafte Weise mit der Umgebung eins wird. Indem sie die Schönheit der Stadt beschwören oder die Musik einer Straßencombo feiern, ziehen sich Nizons Figuren wie Graf Münchhausen immer wieder neu aus dem Zustand des Aus-der-Welt-Gefallenseins in ihr Zentrum hinein und verwandeln dabei nicht nur sich, sondern eben auch die Welt. In Nizons Blick strahlt und funkelt Paris so sehr, dass man augenblicklich hinfahren möchte.

Die Handlung ist in Nizons Büchern dünn gesät, und nach der Welt-Verschmelzung purzeln die Figuren meist in ihre Isolation zurück, brüten eine Weile vor sich hin, bis das Spiel wieder von Neuem beginnt. Enttäuscht ist nur der Autor – er wird in Deutschland nicht so geschätzt wie in Frankreich. Daran mag etwas sein, aber zumindest von den Berliner Literaturinstituten wird er noch immer regelmäßig eingeladen, und erst vor drei Jahren hat er den Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds erhalten. Am Mittwoch, den 3. März liest er im Literaturhaus (Fasanenstraße 23, 20 Uhr) aus unveröffentlichten Journalen und spricht mit Thomas Stölzel über Leben und Schreiben.

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