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Der Literatur sind Übertritte ganz gut bekommen. Steffen Richter geht über Grenzen.

Steffen Richter

Am Britzer Verbindungskanal, zwischen Teltowkanal und Spree, gibt es eine Stele. Sie erinnert an den zwanzigjährigen Chris Gueffroy, der im Februar 1989 von Treptow nach Neukölln wollte. Gueffroy wurde von vier ostdeutschen Grenzsoldaten erschossen. Seinen Freund und Fluchtbegleiter Christian Gaudian verurteilte man zu drei Jahren Freiheitsstrafe, bevor die Bundesrepublik ihn freikaufte.

Gueffroy mag man heute noch kennen, weil er eines der letzten Mauer-Opfer war. Aber all die anderen? Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, also des ehemaligen StasiUntersuchungsgefängnisses, hat in dem Buch Die vergessenen Opfer der Mauer (List) Berichte von inhaftierten DDRFlüchtlingen gesammelt. Einige von ihnen werden anwesend sein und mit Sicherheit etwas zu erzählen haben, wenn das Buch morgen (29.7., 19 Uhr) in der Hessischen Landesvertretung vorgestellt wird (In den Ministergärten 5, Mitte; Anmeldung: Tel. 030 / 98 60 82-413 oder E-Mail: a.kockisch@stiftung-hsh.de).

Dass Grenzen nicht einfach verschwinden, wenn die Grenzanlagen abgebaut sind, weiß man im Jahr 20 nach der Wiedervereinigung sehr wohl. Besonders gut kennt sich da der Schriftsteller Marcel Beyer aus. Beyer, gebürtiger BadenWürttemberger und nach eigenem Bekunden ein „popsozialisierter Westmensch“, ist nach Stationen in Kiel, Siegen und Köln 1996 nach Dresden gezogen. Dort musste er die speziellen Kommunikations- und Verhaltenscodes knacken – womit es auch seine Kollegin Katja Lange-Müller nach ihrer Reise in die Gegenrichtung zu tun bekam. Sie zog 1984 von Ost nach West, von Lichtenberg nach Wedding. Über die Besonderheiten des Erzählens von Grenzgängern und Seitenwechslern debattieren Katja LangeMüller und Marcel Beyer heute (20 Uhr) im Brecht-Haus (Chausseestr. 125, Mitte).

Der Literatur sind die Grenzübertritte übrigens ganz gut bekommen. Beyers letzter Roman „Kaltenburg“ profitiert klar vom Dresdener Ambiente, LangeMüllers „Böse Schafe“ hat viel mit ihrer Ost-West-Passage zu tun. Außerdem zeichnet das Buch ein ernüchterndes Bild von Bezirken wie Wedding und Neukölln, wie sie vorm Mauerfall aussahen. Wenn man sich dann noch das Vorwende-Kreuzberg von Sven Regeners „Herr Lehmann“ vergegenwärtigt (etwa am 2. 8., 21 Uhr 30, in Sven Strickers Hörfassung beim „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ im Barockgarten des Schloss Charlottenburg), wird man schnell begreifen, warum die Mauer nicht nur für den Osten fatal war.

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