Schriftsteller-Geburtstag : Günter Grass in Danzig "unter Freunden"

In seiner Geburtsstadt Danzig haben die Polen Günter Grass vorzeitig eine schöne Geburtstagsfeier bereitet. Für seine Gastgeber bleibt er trotz SS-Mitgliedschaft der Mann, der die Stadt mit der "Blechtrommel" in die Weltliteratur eingeführt hat.

Knut Krohn
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Günter Grass zu Besuch in seiner Heimatstadt Danzig. -Foto: AFP

Das passt zu Grass. Nicht in der noblen Limousine lässt sich der Literatur-Nobelpreisträger durch Danzig kutschieren, sondern im VW-Bus. Das macht Eindruck in Polen, wo die Mächtigen und Einflussreichen so viel Wert auf die rollenden Statussymbole mit abgedunkelten Scheiben legen.

Diese Tage in Danzig scheinen für den deutschen Schriftsteller eine ganz besondere Qualität zu haben. Grass gibt sich in seiner Geburtsstadt, in der Stadt der „Blechtrommel“ überraschend locker, und der stets etwas mürrische Blick heitert sich verblüffend oft zu einem Lächeln auf. Der Mann, dessen achtzigstem Geburtstag zu Ehren in der ehemaligen Hansestadt drei Tage lang eine Art Grass-Festival stattfindet, scheint anzuerkennen, dass er sich „unter Freunden“ bewegt. Ein Satz, den der Schriftsteller bei vielen Gelegenheiten wiederholt. Und er schmeichelt seinen Gastgebern. „Ich bin dankbar für die Unterstützung, die ich in der schweren Zeit aus meiner Geburtsstadt Danzig erfahren habe.“

Die „schwere Zeit“, das war im vergangenen Jahr, als Günter Grass nach Jahrzehnten des Schweigens preisgab, dass er in den letzten Monaten des Krieges Mitglied der SS war. Er, mit seinen nervenden, bisweilen nervigen politischen Mahnungen über die nie eingestandene Schuld der Väter, die dabei waren und darüber nach 1945 den Mantel des Schweigens breiteten, hatte auch geschwiegen. Zu lange, wie auch viele seiner Freunde meinten.

Natürlich war damals auch in Polen der Aufschrei groß. In Danzig, wo Günter Grass am 16. Oktober vor nunmehr acht Jahrzehnten geboren wurde, wollten ihm sogar einige weniger wohlmeinende Zeitgenossen die Ehrenbürgerwürde aberkennen. Doch es kam zu einem Briefwechsel mit dem Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz. Dabei habe er wahre Toleranz erfahren, erwähnt der Autor. Dieser kleine Seitenhieb in Richtung seiner noch immer nicht verstummten Kritiker in Deutschland zeigt, dass es in Günter Grass weiter rumort. Dass die Schuld, die im Laufe der Jahrzehnte, wie er selbst sagt, zur lastenden Scham wurde, tief in ihm drin nicht getilgt ist.

Die deutsche Diskussion aber interessiert die Gastgeber in Danzig herzlich wenig. Sie haben die Entschuldigung des Nobelpreisträgers akzeptiert. „Für uns bleibt Günter Grass der Mann, der Danzig in die Weltliteratur eingeführt hat“, erklärt Bürgermeister Pawel Adamowicz. Nur einmal wird der Gewürdigte in Danzig auch von polnischer Seite unangenehm an die Vorkommnisse im Jahr 1945 erinnert. Vor dem historischen Gebäude der Polnischen Post in der Innenstadt versammelte sich ein Häuflein Lokalpolitiker der katholisch-nationalen Partei „Recht und Gerechtigkeit“. Die Mitglieder der Regierungspartei der Kaczynski-Brüder haben die Feiern wegen der SS-Mitgliedschaft boykottiert und machten auch gestern vor allem auch mit antideutschen Sprüchen auf sich aufmerksam. Stadtpräsident Pawel Adamowicz, der Grass nach Danzig eingeladen hat, gehört zur Oppositionspartei der „Bürgerplattform“.

Doch droht dem deutschen Nobelpreisträger in Polen ganz anderes Ungemach. In seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ hat er eine zweite Lunte gelegt. Das Buch, das vor allem in Deutschland mit dem SS-Bekenntnis für so viel Wirbel gesorgt hat, ist rechtzeitig zum achtzigsten Geburtstag von Günter Grass auch auf Polnisch erschienen. Ein Kritiker hat das Werk ganz genau gelesen – und was musste er im vorletzten Kapitel finden: eine ehrabschneidende Beleidigung des Papstes Johannes Paul II., der in Polen bereits jetzt wie ein Heiliger verehrt wird. Dort wird das Sterben des Kirchenoberhauptes als widerliche, ungehörige und schamlose Zurschaustellung angeprangert. Gut möglich, dass Günter Grass auch in Polen das Lächeln bald schwerer fallen wird.

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