Literatur : Schummelnde Musterschüler

„Es menschelet überall“: Ein Bestseller über Filz, Korruption und Kumpanei in Baden-Württemberg

Manfred Zach

Es scheint, als sei dem Verleger Hubert Klöpfer der Erfolg seines Bestsellers nicht ganz geheuer: „Das Buch hat wenig Neues“, bekennt er ungewohnt offen. Im Grunde stelle es nur frühere Zeitungsartikel in einen neuen Zusammenhang, um ihnen eine „höhere Halbwertszeit“ zu verschaffen.

Gemessen am Publikumserfolg ist ihm das bereits gelungen. Vier Auflagen hat der Tübinger Polit-Aufreger „Wir können alles. Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle“ innerhalb weniger Wochen erzielt. Lesungen des Autorenkleeblatts Josef-Otto Freudenreich (Herausgeber), Meinrad Heck, Wolfgang Messner und Rainer Nübel finden meist in voll besetzten Sälen statt.

An den geschilderten Skandalen und Skandälchen allein kann es nicht liegen; sie sind durchweg bekannt. Der Karlsruher Unternehmer Manfred Schmider, der in den 90er Jahren mit vorhandenen guten Beziehungen und nicht vorhandenen Bohrmaschinen Banken und Leasinggesellschaften um Milliarden Euro prellte, hat seine Haftstrafe längst abgesessen. Heute grämt er sich allenfalls darüber, dass die Justiz seinen Anschuldigungen, Finanzbeamte und Ex-Politiker hätten das betrügerische Netzwerk frühzeitig durchschaut, noch immer keinen Glauben schenken will.

Auch der sogenannte Flüssigei-Skandal ist, im Rückblick betrachtet, eher eine frühes Beispiel für Probleme des Verbraucherschutzes denn ein Lehrstück über verlotterte politische Tischsitten. 1985 hatte das Stuttgarter Regierungspräsidium vor verunreinigter Eierpampe eines bekannten Nudelherstellers gewarnt und sich dafür massiv Ärger eingehandelt. Weil die Beweislage dünn war, musste der Regierungspräsident seinen Hut nehmen, das Land zahlte 12,7 Millionen Mark Schadensersatz.

Nun, heißt es, seien Beweise aufgetaucht, die das Handeln der Stuttgarter Behörde glanzvoll rechtfertigten, und diese Beweise seien der Landesregierung schon damals, als die Emotionen hochkochten, bekannt gewesen. Doch eben dies lässt sich wiederum nicht beweisen, weshalb die angebliche Sensation keine ist und nicht mal von der Opposition im Stuttgarter Landtag aufgegriffen wurde.

Auch dass Ministerpräsident Günther Oettinger Anfang der 90er Jahre als CDU-Fraktionschef gern bei einem italienischen Wirt tafelte, der später in Verdacht geriet, ein Mafia-Geldwäscher zu sein, ist im Ländle oft ge- und beschrieben worden. Oettingers Aufstieg zum Regierungschef hat es nicht geschadet – vielleicht auch deshalb, weil das Wort „Schwäbische Mafia“ in der mit prominenten Schwaben reich bestückten Bonner Republik lange Zeit fast als Ehrentitel galt, wie sich „Stern“-Redakteur Hans Peter Schütz wehmutsvoll erinnert.

So ist das Buch über weite Strecken eine landesbezogene journalistische Spätlese, deren Erkenntnisgewinn Felix Huby im Vorwort treffend mit „Es menschelet überall“ überschreibt. Erstaunen kann diese Feststellung nur einen, der das ökonomische Musterländle bisher auch in moralischer Hinsicht für eine Insel der Seligen gehalten hatte. Doch so viel Naivität würde schon fast an Rufschädigung grenzen.

Was die Lektüre gleichwohl lohnend macht, sind gekonnte, teilweise höchst witzige essayistische Anmerkungen zu Land und Leuten im Südwesten; sie vermitteln einen Lesegenuss, der über das leicht angestaubte journalistische Handwerk locker hinwegsehen lässt. Eindeutiger Glanzpunkt dabei: Josef-Otto Freudenreichs Charakterstudie Oberschwabens, einer wohlhabenden, katholisch- konservativ geprägten Region zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee. Mit Thomas Bernhard’schem Röntgenblick lässt der Chefreporter der „Stuttgarter Zeitung“, selbst gebürtiger Oberländer, die tonangebende Schicht des nicht nur geografisch mit Bayern eng verbandelten Südens Baden-Württembergs Revue passieren: landrätliche Duodezfürsten, die nebenher ein profitables Energieunternehmen betreiben, echte Fürsten, denen weite Landstriche mit Wäldern, Kliniken und Zeitungsverlagen gehören, Fabrikanten, die Milliardäre sind und alles tun, um es zu verbergen, Publizisten, die mit messianischem Eifer christlich- abendländische Werte beschwören.

Sprachrohr dieses zwischen Kirche und Kommerz changierenden Landstrichs war lange Zeit die „Schwäbische Zeitung“. Freudenreichs Vorwurf, die „Schwäz“, wie sie lokal genannt wird, sei inzwischen zum Boulevardblatt degeneriert und in der Redaktion würden kritische Redakteure weggemobbt, beantwortete der Verlag mit einer – im Wesentlichen gescheiterten – Unterlassungsklage beim Landgericht Stuttgart. Damit erst erhielt das Buch jene bundesweite Aufmerksamkeit, die es ohne den skurrilen Rechtsstreit zweier Publikationsorgane über die Grenzen der Publikationsfreiheit kaum je erreicht hätte.

Was überregionale Presseorgane, Rundfunk- und Fernsehanstalten seither über „Korruption im Musterland“ oder „Spätzle-Connection“ berichten, klingt wenig schmeichelhaft für den erfolgsverwöhnten Südwesten. Manches davon ist schlicht daneben, etwa wenn „Zapp“, das Medienmagazin des Norddeutschen Rundfunks, Baden-Württemberg als medienpolitisches Tal der Ahnungslosen hinzustellen versucht, weil in den dortigen Zeitungen „solche Enthüllungen nur selten“ zu finden seien. Das ganze Buch ist nichts anderes als ein essayistischer Aufguss schwäbisch-badischen Journalistenfleißes.

Anderes dagegen trifft einen empfindlichen Nerv. Geradezu lustvoll wird in den teils hämischen Kommentaren immer wieder der regierungsoffizielle Werbeslogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ aufgespießt, den Freudenreich zum Negativimage eines auch beim Kungeln erstklassigen Landes verballhornt hat. Das mag falsch und ungerecht sein. Aber wer beim Eigenlob die Backen aufbläst, darf sich nicht wundern, wenn er, beim Schummeln erwischt, eins auf dieselben erhält. Schon in der Schule galt: Musterschüler leben leichter, wenn sie nicht angeben, sondern abgeben.

Freudenreich und seine Co-Autoren ficht die unfreiwillige Werbehilfe ihrer Gegner nicht an. Sie freuen sich über den Leserzuspruch, der sie ermutigt, weiterhin aufklärerisch-kritisch tätig zu sein, und denken bereits über ein Folgebuch nach. Material, sagen sie, haben sie genug.

Der Autor war baden-württembergischer Regierungssprecher in der Lothar- Späth-Ära und veröffentlichte den politischen Schlüsselroman „Monrepos“.





– Josef-Otto Freudenreich (Hg.):
„Wir können alles.“ Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle. Klöpfer & Meyer, Tübingen 2008. 238 Seiten, 19,90 Euro.

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