Science Fiction : Philip K. Dick: Fliehkräfte

Philip K. Dick ist einer der großen Science-Fiction-Autoren. Er gehört zum Kanon der Popkultur, und wer ihn nicht gelesen hat, kennt die Verfilmungen seiner Bücher: "Blade Runner", "Minority Report" oder "Truman Show". Nun wird ein früher Roman von Dick veröffentlicht.

Kolja Mensing

Hollywood hat Dick erst nach seinem Tod 1982 berühmt gemacht. Zu Lebzeiten hatte er wenig Erfolg. Für seine ersten drei Romane aus den frühen fünfziger Jahren konnte er nicht einmal einen Verlag finden. Dazu gehört auch „Unterwegs in einem kleinen Land“, das in den USA 1985 erschienen ist und jetzt auf Deutsch vorliegt: eine späte, viel zu späte Entdeckung.

Es ist das Jahr 1952. Roger Lindahl führt ein kleines Fernsehgeschäft in Los Angeles. Der Laden läuft mäßig, es gibt ständig Streit mit seiner Frau Victoria, über Geld, Religion, Sexualität. Sie geben ihren siebenjährigen Sohn Gregg auf eine Privatschule. Bei einem Besuch dort lernen sie ein anderes Ehepaar kennen, die Bonners. Diese scheinen die Antwort auf ihre unterdrückten Sehnsüchte zu sein. Victoria bewundert den erfolgreichen Unternehmer Paul, Roger verliebt sich in die leicht überspannte Liz. Damit ist die Mittelschichtstragödie fast perfekt: „Unterwegs in einem kleinen Land“ erzählt auf den ersten Blick ein Ehedrama, wie man es in der US-Literatur oft findet, bei Paula Fox, John Updike, Richard Ford.

Trotzdem ist hier ein großes, metaphysisches Thema von Dick bereits angelegt: das Misstrauen gegenüber der Wirklichkeit. An den Protagonisten späterer Romane nagen tiefe Zweifel gegenüber der Wirklichkeit. Sie wissen nicht, ob ihre Gegenüber Menschen oder „Replikanten“ sind. Oder sie leiden unter dem Verdacht, dass ihre Erinnerungen nur künstlich erzeugte Bewusstseinsbilder sind und nichts mit ihrem Leben zu tun haben.

Die Lindahls sind ganz normale Amerikaner. Aber wie die paranoiden Androiden, Zeitreisenden und Drogen-Freaks der späteren Dick-Romane erkennen sie, dass sie ihren Erfahrungen nicht trauen können. Nichts ist so, wie es scheint. Rogers Erinnerungen an seine idyllische Kindheit auf einer Farm sind der Depression von 1929 zum Opfer gefallen, und mit seinem Fernsehgeschäft läuft er Gefahr, im Räderwerk der Unterhaltungsbranche zerrieben zu werden. Roger und Victoria leben in einer Gesellschaft, in der die Existenz ihrer Individuen unter Dauerbeschuss genommen wird. Vor diesem Hintergrund ist ihre Ehekrise gerade ein emotionaler Kollateralschaden.

Die Fliehkraft steigt. Später wird Dick seine Figuren von der Erde auf den Mars katapultieren, in eine Parallelwelt, auf andere Bewusstseinsebenen. In diesem Roman bietet er noch einen terrestrischen Fluchtweg an. Roger will einfach wegfahren, unterwegs sein, wie der heimatlose Sal Paradise in Jack Kerouacs berühmtem, etwa zur gleichen Zeit veröffentlichten Roman „On the road“. Der visionäre Science-Fiction-Autor war der Gegenwart einmal sehr nahe. Kolja Mensing



Philip K. Dick:

Unterwegs in einem kleinen Land. Roman. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, München 2009. 376 S., 22 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben