Literatur : Sehnsucht und Glückseligkeit

Ein Triumph: Thomas Wolfes Familienepos „Schau heimwärts, Engel“ erscheint neu übersetzt

Jochen Jung
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Das Pathos des Südstaatlers. Thomas Wolfe 1936 in Berlin. Foto: Ullstein/Granger Collection

Es geht wunderlich und heftig zu in der Familie Gant“, war Hermann Hesses Kommentar, nachdem er 1932 die Übersetzung des Romans „Schau heimwärts, Engel!“ (ja, damals noch mit Ausrufezeichen) gelesen hatte. So betulich das formuliert sein mag, ganz falsch ist es nicht. Denn es ist schon heftig, wie der alte Gant mit seiner Frau Eliza und den Kindern umgeht: Er ist ein gewaltiger Rhetor, der die Seinen Tag für Tag mit einer Flut aus Selbstmitleid und Weltverfluchung überschüttet, wenn er sich nicht gerade wieder in ein Quartalsbesäufnis geflüchtet hat.

Viel leistet er wirklich nicht für das Wohlergehen seiner Familie, und dennoch haben nicht nur seine Flüche, sondern hat auch sein Lebenshunger Format, auch wenn man das die längste Zeit nur ermessen kann an dem, was im Hause Gant auf den Tisch gestellt wird. Rücksichtsloser Egoismus bestimmt die tägliche Familienpraxis, aber zugleich ist da ein unverbrüchliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist jeder für sich, und es ist für alle dieselbe Erde, auf der sie in Streit und Liebe, Elend und Triumph mit ihrem jeweiligen Leben an dem großen herausfordernden Leben teilhaben, das allen gehört und dem sie alle gehören.

Der alte Gant ist ein Steinmetz, erfolglos in seiner Kunst und im Geldbeschaffen, so dass er seiner immobilienversessenen Frau nichts entgegenzusetzen hat. Und die Kinder? Haben entweder des Alten Lust am Alkohol geerbt oder entkommen einfach nicht dem, was man Familienbande nennt. Außer Eugene, dem Jüngsten, Begabtesten, Eigensinnigsten. Er wird aufs College geschickt, wenigstens er soll einmal „etwas werden“.

Wer ist nun dieser Thomas Wolfe? Geboren 1900 in einer bergigen Kleinstadt in North Carolina – also als Südstaatler und, wie er selbst betont, „Berggeborener“ –, kommt er aufs College (so weit erzählt dieser Roman) und vier Jahre nach Harvard. Anschließend versucht er sich eine Zeit lang als Lehrer – der Roman „Geweb und Fels“ berichtet davon – und ist dann Schriftsteller, monomanisch am Great American Novel arbeitend.

Als Wolfe 28 war, erschien „Schau heimwärts, Engel“, sein erster Roman, und machte ihn sofort berühmt. Aus Tausenden von Manuskriptseiten hatte ein ebenso geduldiger wie enthusiastischer Lektor das Werk eingekocht. Zuvor hatte Wolfe zwei Theaterstücke geschrieben, die im Nachkriegsdeutschland erfolgreich waren – auch „Schau heimwärts, Engel“ war in einer dramatischen Fassung ein großer Erfolg in ganz Europa. Dann folgten drei zum Teil sehr umfangreiche Romane, Erzählungen, Essays. Sein letzter Roman, „Es führt kein Weg zurück“ verarbeitet nicht zuletzt Wolfes Reisen nach Deutschland 1935/36, wobei ein Oktoberfestbesuch zu einem ebenso orgiastisch-stumpfsinnigen wie hellsichtig-ahnungsvollen Sittenbild gerät. 1938 starb Wolfe an Tuberkulose.

Wie soll man ein solches selbstgewisses, eigensinniges Riesenwerk beschreiben, dessen Zärtlichkeit und unerschöpfliche Energie nahezu alles hinter sich lassen, was derzeit an Literatur erscheint. Im Verhältnis zu den Edeltannen, die wir heute geboten bekommen, steht man hier unter Sequoias. Es ist der Mut zum Pathos, der dieses Erzählen auszeichnet, die Verbindung der großen Gefühle mit der großen Natur, die der amerikanischen Literatur seit Thoreau, vor allem aber seit Walt Whitman das Drängende, Hochfahrende, Ausgreifende beschert hat. Es ist ein naives, denkerisch im besten Sinne dilettantisches Welterfahren, mit der Fähigkeit, Unbekanntem immer auch mit Hoffnung zu begegnen.

Wovon wird überhaupt erzählt? Von einer unbedeutenden Familie in einem Nest in North Carolina, einer Familie allerdings, die ein Genie hervorgebracht hat: Sie ähnelt der von Thomas Wolfe selbst derart, dass er sich bemüßigt fühlte, im Vorwort jeden autobiografischen Bezug abzustreiten. Es sind eben gerade nicht die Parallelen zwischen den Gants und den Wolfes, die diesen Bezug bestätigen, sondern die Zuneigung, die der Erzähler seinen Figuren gegenüber nicht abstreifen kann, obwohl sie für den Roman eigentlich unbrauchbar ist, da sie sich fortwährend verselbständigt. Das beschert allerdings immer wieder innige Sätze: „Immer wenn er sie so sah, musste er an vom Regen blank gewaschenen Himmel denken, an kristallklare weite Fernen, kühl und rein.“

Grandios wird Eugenes Kindheit erzählt, schon mit allen Anzeichen der gierigen Weltaneignung, die für ihn typisch ist. Die Universitätsjahre fallen dagegen ab, man begegnet unentwegt Kommilitonen, um sie gleich wieder zu verlassen, aber Eugenes verzweifelte Tour aus Liebeskummer und Selbständigkeitsdrang durch die Rüstungsfabriken des Nordens und dann vor allem die letzten Kapitel vom Sterben des geliebten Bruders Ben und dessen Wiederkehr als Geist, zeigen die Größe dieses Schriftstellers und sein tiefes Verständnis für die Schwäche der Menschen, „das große Übel des Versäumens und Vergessens, das sich nie wiedergutmachen lässt“.

Das ist nicht zuletzt das Umwerfende an diesem Roman, dass er es fertigbringt, das unheroische Leben dieser Menschen so vorzuführen, als seien sie diejenigen, anhand derer Gott zeigen wollte, warum seine Erfindung des Menschen ebenso daneben gegangen ist, wie sie in Lust, Leid und Lachen beispielhaft vorführt, wozu der Alte imstande war. Es ist der Roman vom Zerfall einer Familie, die nicht voneinander lassen kann, weil über ihr der Fluch einer unzerstörbaren Liebe liegt, die sie nicht begreifen und der sie nicht entkommen kann.

Bis auf einen, Eugene. Er nimmt den heroischen Kampf um ein Leben nach eigener Vorstellung auf. Selbst im gewöhnlichsten Dasein, also auch dem eigenen, erkennt er die Leidenschaft, die es antreibt, die Güte und den Neid, die Hoffnungen und die Vergeblichkeiten. Er weiß: „Es gibt kein Reich der Glückseligkeit. Es gibt kein Verschwinden der Sehnsucht.“ Aber er weiß eben auch, dass Sehnsucht Glückseligkeit bedeuten kann.

Heroisch ist auch, dieses Riesending neu zu übersetzen. Tatsächlich war die alte Übersetzung längst ungenießbar. Nicht nur, dass man sich immer schon gefragt hatte, was Schwester Helen eigentlich tat, wenn es hieß: „Sie petzte ihr Kinn.“ (Sie „zupfte“ lesen wir jetzt, aha.) Es gab Ungenauig- und Willkürlichkeiten, vor allem hatte der Ton etwas Enges und dann wieder Jugendbewegtes, das der großen Geste dieses Romans so gar nicht entsprach. Die neue Übersetzung von Irma Wehrli hingegen hat nicht nur Frische, Tempo und Glanz, sie bringt auch den Witz herüber, von dem in der Übersetzung von Hans Schiebelhuth nicht viel zu merken war. Umso unnötiger sind einige Flapsigkeiten: „Hallöchen“ passt zu Studenten im Ersten Weltkrieg so wenig wie heute schon ranzige Sager à la „die Seele baumeln lassen“ oder „ich mach mich mal schlau“.

Dass das Buch unserem Verständnis mit über 600 Anmerkungen helfen will – leider mit hochstehenden Bruchzahlen im laufenden Text –, ist begrüßenswert. Aber im Ganzen ist diese Arbeit doch auch von einem schweren Misstrauen in das Wissen, oder sagen wir ruhig: die Bildung der Leser geprägt, die ein solches Buch in die Hand nehmen. Kann man wirklich nicht mehr davon ausgehen, dass wir wissen, wer oder was Heinrich Schliemann war, Sokrates oder der Ganges, Ali Baba oder Kanaan oder der 4. Juli? Kein Wunder, dass in einem solchen Eifer dem Erklärten oft das Epitheton „berühmt“ mitgegeben wird.

Die zahllosen Erläuterungen von Anspielungen haben nicht nur deshalb etwas Altkluges, weil vieles nicht einmal die amerikanischen Leser der Zwischenkriegszeit wussten, sondern weil dieses Wissen im Verständnis des Romans nicht eine Spur weiterhilft: Das alles ist bei Wolfe Aufputz, rhetorisches Spielzeug, das er stolz vorführt, das aber nie verweist auf tiefere Schichten des Romans. Thomas Wolfe war nicht James Joyce. Gott sei Dank. Denn so war er der, der er war: kein Intellektueller, aber ein Mann der Leidenschaft, der rücksichtslosen Selbsterkundung und einer Liebe zu den Strömen und Stürmen des Lebens, auch wo sie zerstörerisch sind. Solche Bücher werden heute nicht geschrieben, was auch heißt, dass sie einem auf den ersten Blick fremd erscheinen mögen. Auf den zweiten Blick aber treffen sie ins Herz des Lesers, so, wie er es sich lange schon gewünscht hat.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts,

Engel. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Irma Wehrli. Manesse

Verlag, Zürich 2009. 784 Seiten, 29,90 €.

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