Sehnsuchtsbuch : Nach Dienstschluss

Stewart O’Nans rührender Roman „Letzte Nacht“.

Christoph Schröder
O'Nan
Stewart O’Nan: "Letzte Nacht". -Foto: Promo

Wie aus dem Nichts kommt die Nachricht: Die Konzernleitung teilt mit, dass die Red-Lobster-Filiale in der Nähe des Einkaufszentrums nicht den Umsatzerwartungen entspricht und geschlossen wird. Nun, wenige Tage vor Weihnachten, ist es so weit, der letzte Abend steht bevor, die „Letzte Nacht“, wie Stewart O’Nan seinen kurzen, aber rührenden neuen Roman genannt hat. Schon in seinem großartigen Buch „Abschied von Chautauqua“ ging es um die Momente des Abschiednehmens; in diesem Fall vom traditionellen Familienurlaubshaus. Auch die Belegschaft des Red Lobster ist, gleich einer Familie, in Spannungs-, Konflikt- und Zuneigungslinien miteinander verbunden.

Mittendrin steht Manny, der Geschäftsführer, der an diesem letzten schneereichen Wintertag kurz überlegt, den Laden in Brand zu stecken, bevor er sich aus Pflichtbewusstsein dagegen entscheidet. Dieses Pflichtbewusstsein, gepaart mit amerikanischer Servicementalität, bestimmt Mannys Handeln bis zum Ende – selbst, als der verzogene Balg einer nervtötenden Kundin den Laden vollkotzt, wahrt er die Beherrschung. Mit größter Professionalität kontrolliert er bis zum bittern Ende Lagerbestände und befreit den Parkplatz und die Zugangswege vom Schnee, der immer stärker fällt. Zu Hause wartet seine schwangere Freundin, während er unablässig Jacquie, die Servicekraft, vor Augen hat, mit der Manny mehr als eine Affäre verband.

Geschickt und wie unter dem Brennglas lässt Stewart O’Nan den kleinen Raum des Red Lobster zu einem Kulminationspunkt sämtlicher Enttäuschungen und Sehnsüchte einiger weniger Menschen werden. Manny nimmt einen kleinen Teil der Belegschaft mit, wenn er als stellvertretender Filialleiter in einem anderen Restaurant anfängt; den meisten steht jedoch eine ungewisse Zukunft bevor. Das Häuflein der Aufrechten, das bis zum Schluss durchgehalten hat, verschwindet nach Dienstschluss im Schneetreiben; zurück bleibt Manny, der in seinem Auto sitzt und in die Dunkelheit starrt, bevor er nach Hause fährt: „Es ist schon spät, und er muss ins Bett, wenn er morgen wieder zeitig da sein will.“

Stewart O’Nan: Letzte Nacht. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel. mare bibliothek, Hamburg 2007, 158 Seiten, 18,- €

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