Literatur : Sein wie keine andere

Ingeborg Gleichaufs Biografie der Schriftstellerin Simone de Beauvoir

Margit Lesemann

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, lautet der wohl am häufigsten zitierte Satz von Simone de Beauvoir. „Das andere Geschlecht“, in dem die Schriftstellerin und Philosophin bereits im Jahr 1949 die Rolle der Frau in der Gesellschaft untersuchte, wurde in den 70er Jahren zum Standardwerk der Frauenbewegung. Lang ist’s her und viel hat sich inzwischen geändert. Wie aktuell ist ihr Denken rund dreißig Jahre später?

Die Autorin Ingeborg Gleichauf, die Philosophie und Germanistik studiert und bereits mehrere Philosophinnen und Dichterinnen porträtiert hat, ist überzeugt, dass Simone de Beauvoir jungen Menschen auch heute noch etwas zu sagen hat. Zu ihrem 100. Geburtstag am 9. Januar 2008 hat sie sich an eine Neuentdeckung der Französin gemacht, die schon als junge Studentin ein klares Ziel hatte: sein wie keine andere. Und wirklich: Die Leser lernen eine faszinierende Persönlichkeit kennen, die in ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft auch heute noch Vorbild sein kann. Mutig und konsequent ging Simone de Beauvoir ihren Weg, angetrieben von ihrer immensen Neugierde auf die Welt.

Streng chronologisch führt Ingeborg Gleichauf in ihr Leben und Werk und beleuchtet dabei auch die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe im letzten Jahrhundert. Das Paris der Künstler und Intellektuellen, die Cafés und Hotels, der Existenzialismus, die politischen Diskussionen.

1908 in Paris geboren besucht Simone de Beauvoir eine Schule, in der wie im Elternhaus die moralische Erziehung im Vordergrund steht. Aber Simone ist hungrig auf Wissen und Bildung. Vehement rebelliert sie gegen ihr bürgerliches Elternhaus, nichts kann sie sich weniger vorstellen als die Kinder-Küche-Kirche- Existenz ihrer Mutter. Sie will nur eins: eine berühmte Schriftstellerin werden. Sie studiert Philosophie, lernt ihren Kommilitonen Jean-Paul Sartre kennen. Eine ungewöhnliche, bis zum Tod dauernde Beziehung beginnt.

Lange Zeit hat Simone de Beauvoir damit zu kämpfen, als Anhängsel Sartres angesehen zu werden, doch spätestens mit „Das andere Geschlecht“ steht fest, sie ist eine berühmte Schriftstellerin, sie hat die Themen ihres Schreibens und Philosophierens gefunden und verfolgt sie konsequent.

Das Schreiben bleibt bis zu ihrem Tod am 14. April 1986 das Wichtigste in ihrem Leben: „Manche Tage sind so schön, dass man leuchten möchte wie die Sonne, dass man die Erde sozusagen mit Worten besprengen möchte.“ Schreibend begleitet Simone de Beauvoir alles, was sie besonders intensiv erlebt, ganz gleich, ob es um Beziehungen geht, um Reisen oder das Sterben ihrer Mutter: „Simone de Beauvoir ist eine Schriftstellerin, der man zuschauen kann beim Schreiben. Sie ist aber auch eine Philosophin, der man zuschauen kann beim Denken“, schreibt Ingeborg Gleichauf. Dass uns das gelingt, dass wir die Autorin lebendig vor uns sehen, dazu trägt ihr Buch bei. Nicht unkritisch, aber voller Sympathie für Simone de Beauvoir.

Ingeborg Gleichaufs Faszination macht neugierig. Eine informative Zeittafel, eine umfangreiche Literaturliste und ein Stadtplan von Paris sind zusätzlicher Anreiz für weitere Erkundungen. Simone de Beauvoirs Essays, die Reiseberichte, die autobiografischen Schriften und die Briefe harren der vorurteilslosen Lektüre, so Ingeborg Gleichauf.

Eine Ermutigung für junge Leser, den Staub der Jahre von den Buchdeckeln wegzupusten und eine neue, lebendige Simone de Beauvoir zu entdecken. Der Mut, ganz man selbst zu sein, hat bis heute nicht an Bedeutung verloren. „Ich hatte nur ein Leben zu leben“, schrieb Simone de Beauvoir, „ich wollte, dass es ein Erfolg würde, niemand sollte mich daran hindern.“

Ingeborg Gleichauf:

Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir – Schriftstellerin und Philosophin. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007, Reihe Hanser.

300 Seiten. 8,95 Euro. Ab 14 Jahren.

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