Serbien-Krimi : Die Stadt als Hauptfigur

Am 5. Oktober 2004 kamen in einer Belgrader Kaserne zwei Soldaten ums Leben. Offiziell wurde von Suizid gesprochen, doch eine Untersuchung ergab, dass die beiden jungen Männer ermordet worden sein mussten. Diesen wahren Fall nimmt das Autorenduo Schünemann & Volić als Aufhänger für sein Bild der serbischen Gesellschaft neun Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges. Eine Hauptrolle spielt die Stadt Belgrad selbst.

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Jelena Volic und Christian Schünemann sind seit 25 Jahren befreundet. Nun legen sie ihren ersten gemeinsamen Roman vor.
Jelena Volic und Christian Schünemann sind seit 25 Jahren befreundet. Nun legen sie ihren ersten gemeinsamen Roman vor.Foto: Nathan Beck/Diogenes

„Ich bin eine richtige Slawin“, sagt Jelena Volić mit gerolltem R und dunklem L. „Das heißt: Alles ist zu viel – zu viel Drama, zu viel Pathos.“ Christian Schünemann, ihr alter Freund und Ko-Autor, grinst. „Christian ist Norddeutscher und Protestant“, fährt die serbische Literaturwissenschaftlerin fort, „das heißt: Es wird alles halbiert.“ Exakt auf der letzten Silbe teilt sie den Tisch mit Unterarm und Handkante in zwei Hälften. Das Publikum im Georg-Büchner-Buchladen in Berlin-Prenzlauer Berg freut sich.

Eben haben Schünemann und Volić aus ihrem gemeinsamen Kriminalroman „Kornblumenblau“ gelesen. Er spielt 2004 in Belgrad, die Protagonistin heißt Milena Lukin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminalistik und Kriminologie. Der Vater ihres zehnjährigen Sohnes Adam ist Deutscher und lebt mit seiner Freundin in Hamburg, ihre Mutter Vera kümmert sich in slawisch resoluter Manier um den Haushalt und findet, dass ein serbischer Junge im Stehen pinkeln muss, sonst ist er kein Serbe. Milena steht dazwischen; ihr ganzes Leben gleicht einem Jonglage-Akt. Nie reicht das Geld, nie gibt es Sicherheit, ob ihre von Deutschland finanzierte Forschungsstelle verlängert wird.

Als auf dem Militärgelände von Topčider in der Nähe von Belgrad zwei junge Soldaten der serbischen Eliteeinheit tot aufgefunden werden, glaubt sie nicht an die offizielle Version, nach der erst der eine den anderen und dann sich selbst erschossen haben soll. Die beiden Toten stammen aus dem bosnischen Bratunac, fünf Kilometer von Srebrenica entfernt; die Spur führt direkt in das dunkelste Kapitel der jüngsten Geschichte Serbiens.

Einen als Selbstmord vertuschten Doppelmord auf dem Kasernengelände hat es wirklich gegeben; Volić und Schünemann nehmen ihn als Aufhänger für ihr Bild der serbischen Gesellschaft neun Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges. „Uns interessierte die Frage: Was haben dieser Krieg und der Zerfall des Landes mit den Menschen gemacht?“, sagt Volić. „Für ordentliche Deutsche mussten wir das in buntes Papier verpacken.“ Mit beiden Händen deutet sie ein Paket von beträchtlichem Umfang an.

Es hat funktioniert. „Kornblumenblau“ ist ein spannender Krimi, eine Geschichte über menschliche Abgründe, aber auch eine witzige, wehmütige, liebevolle Hommage an Belgrad und seine Bewohner. "Belgrad ist die zweite Hauptfigur", sagt Volić. Wie Milena sich zwischen hupenden Autos und geschniegelten Diplomaten bewegt, zwischen historischen Gebäuden und Kriegsruinen, Neureichen und ums Überleben Kämpfenden, das ist so lebendig, dass man meint, eine Freundin zu begleiten.

„Für mich war es wichtig, Belgrad durch Christians Augen zu betrachten“, sagt Volić. „Manchmal wollte er nicht verstehen, wovon ich glaubte, dass er es verstehen müsse. Dann musste ich meine eigenen Gefühle korrigieren.“ Und Schünemann erzählt Hände reibend, wie er einmal beim Fotografieren der Belgrader US-Botschaft erwischt und verhaftet wurde: „Fünf Stunden im Untergeschoss der Polizeiwache mit den Ladendieben. Etwas Besseres kann einem gar nicht passieren, wenn man einen Krimi recherchiert!“

Christian Schünemann hat bei Diogenes bereits vier Krimis mit dem Protagonisten Thomas Prinz veröffentlicht, einem Münchner Friseur. Stimmung, Ambiente und Figuren waren ihm immer wichtiger als der Plot. In diesem ersten Krimi mit Jelena Volić sind seine Stärken deutlich zu spüren, während Spannung und Relevanz gestiegen sind. Man hofft, dass Milena Lukin damit nicht ihren letzten Fall bearbeitet hat.  

 

Schünemann & Volić, Kornblumenblau. Diogenes, 2013. 362 Seiten, 17,99 €.

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