''Snuff'' : Moby Dicked

Chuck Palahniuk erkundet das Pornomilieu

Werner van Bebber

Man muss sich Mr. 600 als perfekt rasierten älteren Herrn vorstellen, etwas faltig, aber gut gebräunt, ohne ein Haar am Körper, der sein Arbeitswerkzeug ist. Mr. 600 heißt Branch Bacardi und wartet mit 599 anderen Männern auf den Einsatz bei einem Pornofilm. Die Wartezeit nutzt er zum Plaudern und zur Enthaarung. Er massiert sich mit der einen Hand, in der anderen hält er einen Wegwerfrasierer: „Immer wenn die Hand zu massieren aufhört, bewegt sich die Hand mit dem Plastikrasierer an die betreffende Stelle und raspelt unsichtbare Stoppeln ab, säbelt da mit kurzen, schnellen Strichen herum, so wie man Unkraut im Garten hackt.“

So ist das bei Chuck Palahniuk: Er erspart dem Leser nichts, kein Detail aus dem großen Raum, der zur Vorhölle des Drehortes wird. „Snuff“ ist eine Geschichte aus der Welt der feuchten Träume. Wie immer bei Palahniuk ist es eine Geschichte voller Gewalt, die mit Lust an brutalen Einzelheiten erzählt wird. „Snuff“-Filme soll es wirklich geben – Filme, bei deren Produktion jemand stirbt. Hier ist es Cassie Wright, die mutmaßlich dem Tod geweiht ist. Sie ist die Frau, auf die die Männer warten und mit der sie den Weltrekord im Gruppensex aufstellen sollen. Auch Cassie ist nicht mehr die Jüngste und Branch auf besondere Weise verbunden. Wie, das erfährt man aus Branchs Gesprächen mit den anderen Darstellern. Derweil flimmert Cassies Porno-Gesamtwerk über Monitore, die im Warteraum hängen, Filme wie „World Whore Two“ oder „Moby Dicked“.

Um Cassies Leben geht es in diesem Roman auch im übertragenen Sinn. Chuck Palahniuk hat sich mit dem Pornomilieu offenbar intensiv befasst. Was er über Pornostars und deren Lebensläufe weiß, transportiert er abschnittweise und abwechselnd aus einer Frauen- und drei Männerperspektiven. Unter der klebrigen Schicht von Bräunungscreme, Männerschweiß und zertretenen Tortillachips ist „Snuff“ ein durchaus romantisches Buch. Die Pornostars haben ihre Träume nicht vergessen, sie lügen sich ihr Leben zurecht. Das Ende der Geschichte trägt bizarre Züge. Es klärt, was Branch und Cassie zwei lange Pornodarstellerkarrieren hindurch verbindet. Und auch der Titel des Romans erfüllt sich. Werner van Bebber

Chuck Palahniuk: Snuff. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Manhattan Verlag, München 2008. 288 S., 14, 95 €.

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