Literatur : Soloalben für Comedy-Fans

Männer am Rande des Zusammenbruchs – und mit Sinn fürs Lächerliche: Tommy Jauds Erfolgsroman „Millionär“

Gerrit Bartels

Wie schön blau und grün diese Bücher leuchten! Und wie schön sich vor diesem Hintergrund die in Socken, Badelatschen und schwarzen Halbschuhen steckenden Männerfüße machen! Nicht zuletzt die Covergestaltung mit dem gewissen Sinn fürs Lächerliche am Mann hat vermutlich ihren Anteil daran, dass Tommy Jauds Bücher „Vollidiot“ und „Resturlaub“ letztes Jahr die Renner des Sommers waren und er auch mit seinem neuen Roman „Millionär“ seit zwei Wochen die Bestsellerlisten anführt. Über anderthalb Millionen Mal haben sich Jauds Bücher bislang verkauft, „Millionär“ ist vom Verlag schon 120 000 Mal in die Buchhandlungen geliefert worden, und ein Ende des Jaud-Booms scheint nicht in Sicht.

Das allein ist erstaunlich genug, so viele einheimische Topseller gibt es ja nicht. Das wird jedoch noch erstaunlicher, hat man einmal die unaufregenden, tristen Männerleben in Jauds Büchern kennengelernt. In „Vollidiot“ versucht der 29-jährige Simon Peters, Mitarbeiter eines T-Punkt-Ladens in Köln, sein Singledasein zu beenden, in dem er sich in eine Starbucks-Tresenkraft verguckt und mit dieser dann auf ein Konzert der Fantastischen Vier geht. In „Resturlaub“ hat ein 37-jähriger Brauereiangestellter aus Bamberg die Nase voll von seiner Frau, seinen Freunden und seinem spießigen Umfeld und fliegt nach Buenos Aires, wo er ein neues Leben möglichst mit einer südamerikanischen Schönheitskönigin beginnen will. Und „Millionär“ ist nun die Fortsetzung von „Vollidiot“: Simon Peters ist seinen Job los und HartzIV-Empfänger. Trotzdem will er das Haus kaufen, in dem er wohnt, um einer ihm missliebigen Nachbarin, eine „geliftete Botox-Schildkröte“, kündigen zu können. Dafür braucht er viel Geld und muss eine Geschäftsidee entwickeln.

Schon bei diesen Nacherzählungen wird deutlich: Viel Handlung gibt es bei Jaud nicht. Im Zusammenhang seiner Bücher von „erzählen“ zu sprechen oder von „Geschichten“ ist ein Euphemismus. Sie sind vielmehr ein Nummernprogramm und bestehen aus einer notdürftig von einer dürren Handlung zusammengehaltenen Aneinanderreihung von Szenen und Sketchen. Das kommt nicht von ungefähr: Jaud ist gelernter Comedy-Schreiber. Er arbeitete für die Sat-1-Wochenshow und Anke Engelkes „Ladykracher“, bevor er sich auf die Langstrecke begab. Seine drei Romane sind Soloalben für Erwachsene oder ganz arme Säue, eine Art männliches Pendant zu den Büchern von Ildiko von Kürthy: Männer um die dreißig, fünfunddreißig in der Krise, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, nölige, nervende, ressentimentgeladene, aber trotzdem immer irgendwie dauerluschtige und ein bisschen trottelige Männer, in denen sich, dem Erfolg der Bücher nach zu urteilen, Millionen deutscher Männer wiederfinden.

Peter Greulich aus „Resturlaub“, auch Pitschi genannt, und Simon Peters haben Modellcharakter. Sie führen ein Durchschnittsleben nicht in Berlin-Mitte oder im Hamburger Schanzenviertel, sondern in Köln und Bamberg, und wenn sie mal auf einer Vernissage sind, lästern sie über hippe Frisuren, modische Brillen und teure Designer-Sneakers und schlussfolgern: „Es ist die Generation Bikkemberg, die ihre wahren Probleme nach fünf Astra-Bier in ihre Freitag-Tasche heult: ,Scheiße ich werde alt, aber wenigstens hab ich Geld und Geschmack.’“ Ihre Freunde sind natürlich auch viel erfolgreicher und glücklicher, und wer hat im richtigen Leben nicht solche Freunde? Und beide haben genug Malaisen an der Backe, dass jeder Mann, der nicht gleich RTL-2-Stammgucker ist, sich letztlich doch über sie erheben und sagen kann: Mir geht’s dagegen noch gold.

Tommy Jaud presst dabei aus jedem seiner Einfälle das Letzte heraus. Sei es, dass Simon Peters in „Millionär“ unentwegt beim Procter&Gamble-Verbraucherservice anruft und sich mit Annabelle Kaspars und Carmen Ohs unterhält. Sei es, dass Peters iranischstämmiger Freund und Geschäftspartner ihn dauernd „Bichareh!“ nennt und später auch Pfeif-Adair“ oder „Beschwer-Adair“ oder „Depp-Adair“ und so weiter. Ja, das ist lustig, das begreift irgendwann selbst der Begriffsstutzigste und lacht sich ömmelig. Oder eben nicht. Jaud versteht es, aus vermeintlich schnellen Büchern sehr langsame und zähe Bücher zu machen, die man aber an jeder Stelle aufschlagen und lesen kann. „Fernsehen zum Lesen“ hat er sie mal in einem Interview genannt, und das sagt eigentlich alles.

Tommy Jaud: Millionär. Scherz Verlag, Frankfurt/Main 2007, 306 S., 13, 90 €

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