Literatur : Sonnenseite der Einsamkeit

Elf junge Autoren covern Juan Carlos Onetti

Jan Schulz-Ojala

Onetti-Leser sind einsam, das ist gut. Entweder bringen sie diese Disposition schon mit, was ungemein hilft, das eisklare Universum des uruguayischen Großerzählers auszuhalten. Oder die Einsamkeit der Onetti-Figuren, ihr klagloses Fremdsein im eigenen Leben, sickert erst durch die Lektüre langsam ein, und das macht Onetti-Leser fit für den Rest der Welt. Nur allein sind sie nicht. Sie lesen schließlich Onetti.

So hat es geradezu etwas munter Lärmendes, wenn ein Verlag eine Gemeinschaftsarbeit vorlegt, die sich ausgerechnet auf Juan Carlos Onetti beruft. „Covering Onetti“ ist die schöne Spätfolge einer Lesung im Berliner Literaturhaus Lettrétage: Elf Autoren um die dreißig haben sich vier Onetti-Erzählungen aus dem Sammelband „Willkommen, Bob!“ vorgenommen, um sie zu variieren, neu zu komponieren oder auch ein bisschen darüber zu delirieren.

Die Annäherungsstrategien, durchweg auf ehrgeizigem Niveau, ähneln sich durchaus. Manchmal wechseln die Autoren, wie Gerhild Steinbuch, bloß die Perspektive und schlüpfen beim Neuerzählen in die Haut einer Nebenfigur – und es spricht aus dem Text nicht der leise wahnsinnig werdende Mann, sondern die Frau selbst, die ihren Ex-Geliebten mit der Zusendung ihrer neuesten Fickfotos quält. Manchmal sampeln sie, wie Timo Berger oder Jörg Albrecht, OnettiElemente flott in die digitale Gegenwart hinüber: Dann heißt Brausen, einer der Onetti-Archetypen, plötzlich Browsen, und die Gäste einer Selbstmörderparty sprechen den Leser aus Split-Screens an. Oder die Autoren spielen mit dem bei Onetti eher karg ausgebreiteten Plakativen und scratchen, wie Martin Berger oder Timo Lechner, entsprechend ausbeutbare Szenerien genüsslich ins Triviale. Auch hübsch.

Richtig gut, auch stilistisch, wird es immer dort, wo das so unverwechselbare Onetti-Gefühl aufscheint – ganz gleich, wie weit die Texte sich von den narrativen Oberflächen ihrer Vorlagen lösen. Tom Bresemann pirscht sich besonders souverän an das Denkmal heran und hängt ihm funkelnde Mäntelchen über. Oder auch Philip Maroldt: Sein atemloser Liebesabgesang aus dem heutigen Berlin verrät auf eigene, freie Weise Onetti-Nachbarschaft. Sonnenseite der Einsamkeit: Onetti-Schreiber und OnettiLeser sind, und sei es auch noch so entfernt, miteinander verwandt. Einen Wermutstropfen gibt es doch. Die vier abgedruckten Onetti-Geschichten, und merkwürdigerweise nur sie, wimmeln von Druckfehlern. Steckt dahinter vielleicht die subtile Strategie, die Leser zur deutschen Onetti-Werkausgabe zu verführen? Ein bisschen riskant, aber aufgehen sollte sie schon. Jan Schulz-Ojala

Covering Onetti.

Herausgegeben von Moritz Malsch und Katharina Deloglu. Verlag Lettrétage,

Berlin 2009,

209 Seiten, 19,50 €.

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