SPD : Die Verzweifelten von Hessen

Volker Zastrow über eine Intrige, die symptomatisch ist für den Niedergang der SPD.

Tissy Bruns
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Vier Neinsager. Silke Tesch (vorn, l.), Jürgen Walter (vorn, r.), Dagmar Metzger (hinten, l.) und Carmen Everts sorgten dafür,...Foto: dpa

Es war ein markerschütterndes Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik, als vier hessische SPD-Abgeordnete am Tag vor der Landtagssitzung, die Andrea Ypsilanti mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin einer rot- grünen Koalition machen sollte, ihrer Parteichefin aus Gewissensgründen die Gefolgschaft aufkündigten. Silke Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter in letzter Minute; Dagmar Metzger hatte im März schon den ersten Anlauf Ypsilantis scheitern lassen. Die vier wollten einen Wortbruch nicht mitmachen. Die SPD hatte vor der Wahl versprochen, nicht mit der Linken zusammenzuarbeiten.

Die Pressekonferenz der vier im Wiesbadener Dorint-Hotel, die anschließende Irrfahrt der drei Frauen in ein Rückzugsdomizil in der Schweiz, die ihr Ziel nicht erreicht, der Aufruhr in der Hessen-SPD – Volker Zastrows Buch „Die Vier – Eine Intrige“ beschwört diese Novembertage herauf. Erster Teil („Ein mal Vier“): Gewissensakt von vier Abgeordneten, die aus der Nähe die Häme miterlebt hatten, die im März über Metzger zusammengeschlagen war, und doch erst unter der Wucht der öffentlichen Reaktionen begreifen, dass dieser Schritt ihr Leben verändern wird. Zweiter Teil („Vier mal Eins“): Die Biografien von sehr verschiedenen Menschen, zugleich ein Spiegel der Bundesrepublik und der SPD. Im dritten Teil („Zwei mal Zwei“) verdichtet der Autor die Rückschau auf den Bruch mit Ypsilanti zu einer Inszenierung von zwei der Beteiligten, den Berufspolitikern Walter und Everts, die Ypsilanti aus ganz und gar nicht edlen Motiven „die Leiter aufgestellt“ haben, um sie ihr im letzten Moment unter den Füßen wegzuziehen – eine Intrige.

Man muss sich Zastrows Interpetation nicht anschließen, um dieses Buch großartig zu finden. Seine Geschichte bezieht ihre Kraft aus der Beschreibung der „inneren Tatsachen“, der Gefühle und Gedanken der handelnden Personen, den Gesprächen und der Fülle des Stoffs, die der Autor ausgewertet hat, seiner Kunstfertigkeit, in politischen Werdegängen den Werdegang der Bundesrepublik plastisch zu machen und in den Biotopen der Frankfurter oder Marburger SPD eine niedergehende Partei, die das Land Hessen nach dem Krieg noch zu prägen wusste.

Diese „romanhafte“ Darstellung eines realen politischen Dramas ist neu, für Deutschland innovativ und nicht unproblematisch. Wie viel Fiktion stellt sich unvermeidlich ein, wenn ein Journalist – Zastrow ist Politikchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ – das Bild der Dinge aus dem inneren Seelenzustand seiner Akteure entstehen lässt? Der Autor weiß: Ob die inneren Tatsachen wahr sind, kann er „freilich selbst nicht wissen“. Er habe aufgeschrieben, was er für plausibel gehalten habe, und kenntlich gemacht, wo er unsicher sei. Die Geschichte der „Intrige“ ist erkennbar spekulativ; es ist der Autor selbst, der der skeptischen Leserin den Stoff liefert, seiner Deutung nicht zu folgen.

Zastrows Porträts von Tesch, Metzger, Walter sind atemberaubend in ihrer Präzision und Tiefe. Zwei hochpolitische Frauen, die als Berufspolitikerinnen aber Anfängerinnen sind. Ein flirrender Jürgen Walter, der eine vielversprechende Karriere verspielt, weil er Politik mit taktischer Raffinesse verwechselt, Ypsilanti unterschätzt, die demütigende Niederlage ihr und nicht sich selbst zurechnet und deshalb wie die verhasste Konkurrentin am Ende sein politisches Aus erlebt.

Zastrows Achtung für den Lebenskampf von Tesch ist unverkennbar, die als Achtjährige bei einem Unfall ein Bein verliert und am 3. November nur unter Schmerzen gehen kann, weil die neue Prothese noch nicht passt. Packend die Beschreibung des donnernden Lastwagens, der damals die Kinder erfasst, als sie, neugierig angezogen von einem glitzernden Ding im Bach, an der falschen Stelle stehen bleiben. „Ihre Schulranzen waren klein, und aus Leder und nicht halb so schwer wie die der Kinder heute, es waren nur Fibel, Rechenbuch, zwei Hefte und Mäppchen darin.“ Frühes Leid im Wirtschaftswunderland. Der Krupp K 340 F, der in Wallau ins Schleudern gerät, „war ein brandneues Fahrzeug und gehörte zum technisch Besten, was es damals gab“. Dagmar aus Berlin, die den Schrecken der Mauer erlebt hat, heiratet in die Familie Metzger ein, deren Geschichte den Bogen von der Weimarer Republik in die großen Zeiten der hessischen SPD schlägt. Tesch und Metzger sind lebendige Figuren, deren persönliche Integrität auch den milden Spott des Autors über ihre gelegentliche Naivität aushält.

Die 40-jährige Everts mit den roten Haaren, verheiratet nur mit der Politik, unverbrüchlich an der Seite des flatterhaften Walter, führt hingegen einen Lebenskampf, für den sich der Autor wenig interessiert. Fast zwei Zentner Gewicht hat die übergewichtige Everts im Vorjahr der Ereignisse verloren, unter dem Druck einer offenbar gefährlichen Gesundheitskrise. Zastrow teilt die dürren Fakten mit, die Person dahinter bleibt ihm unzugänglich – seine Everts in der Rolle der Intrigantin, die namentlich Tesch instrumentalisiert, überzeugt nicht. Viel glaubhafter ist ihre Verzweiflung, der Verlust des kühlen Kopfes, weil sie sich wie Walter restlos verloren und verheddert hat zwischen den eigenen Ambitionen und dem Druck ihrer eigenen Genossen. Und am Ende wie die drei anderen doch fähig ist zu einem Entschluss, der sehr viel Mut erfordert und einen hohen Preis gekostet hat – wie selbstsüchtig, naiv oder rachsüchtig andere Motive dabei auch waren.

Die hellsichtige, ironische, stoffreiche Beschreibung einer Partei im Niedergang macht „Die Vier“ zu einem ungemein wichtigen Buch. Der Konflikt über den Wortbruch zeigt eine SPD, die sich gelöst hat aus den Bindungen, die sie stark gemacht haben. Wie Niederlagen bei den Wählern gerade die in der SPD stark machen, die sie zu verantworten haben, wie aus Abkapselung von den Wählern eine Abschottung entstehen kann, die im Umgang mit den innerparteilichen Kontrahenten jedes Maß verloren gehen lässt, das zeichnet Zastrow so haarfein nach, dass man erschrickt. Abgekoppelt hat sich diese SPD auch von ihrer Geschichte: „Hätte sie (Ypsilanti) sich mit der Geschichte der Metzgers vertraut gemacht, wäre ihr vermutlich einiges erspart geblieben.“ Fast entkoppelt scheinen die Machtkämpfe der Protagonisten sogar vom Daseinszweck einer Partei – von der Politik. Sind die politischen Konflikte zwischen Ypsilanti und Walter nicht bloß Hilfsmittel, mit denen sie ihre persönliche Inszenierung ausgestalten, während die Abwesenheit von Augenmaß und Verantwortung beide gleichermaßen kennzeichnet?

Zastrow stellt die Frage nicht, ob das hessische Drama eine Ausnahme oder symptomatisch sein könnte. Sie drängt sich beunruhigend auf. Die harmlose Variante des hessischen Dramas ist ja längst Alltag, die Unwilligkeit und Unfähigkeit der politischen Führer, in ihren Parteien zuzulassen, was doch ihr Lebenselixier ist: die politische Meinungsbildung.

– Volker Zastrow: Die Vier. Eine Intrige. Rowohlt Berlin, Berlin 2009. 416 Seiten, 19,90 Euro.

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