Literatur : Springteufeleien

T.C. Boyle brilliert in neuen Erzählungen

Joachim Huber

Es muss erinnert werden an „Talk Talk“, den letzten Roman von Tom Coraghessan Boyle. Ein Tiefschlag, der höchstens als unfertiges Drehbuch zu einem leicht durchschaubaren Medienthriller durchgehen konnte. Und jetzt 14 Erzählungen unter dem Titel „Zähne und Klauen“. Die Beiß- und Greifwerkzeuge gehören Hunden, Katzen, Wölfen, Alligatoren, Moskitos, Raubkatzen.

Aber aufgepasst, Freunde des Fressnapfs, selbst „Hundologie“ ist keine literarische Streicheleinheit. Boyle interessiert sich für den Durchschnittsamerikaner, wie dieser sich mit seiner Vernunft an den Trieben und Affekten seiner Mitmenschen reibt. Boyle stellt seine Typen in Momentaufnahmen vor, mit viel Sinn für katastrophale Lebensroutine. Es sind kleine Territorien, sehr unterschiedliche Milieus und Zeiten, die Boyle präzise zum Schauplatz grimmiger Desaster macht.

Nehmen wir „Windsbraut“: Junie Ooley will auf der Shetlandinsel Unst Vögel beobachten. Bei der Ankunft kommt sie des gewaltigen Sturmes wegen unter dem mitreisenden Robbie Baikie zu liegen; beide erleben eine amour fou, ehe der Heiratsantrag und eine Wahnsinnböe folgen – und fort ist die Ornithologin. Ein komischer Abgang, der das Bedrohliche der Atmosphäre nicht verscheuchen kann. Drei Hauptdarsteller humpeln, hampeln und huschen durch die Kulissen dieser Erzählungen: das Tier, das dank seiner Beschränktheit mit sich im Einklang lebt; der Mann, der mehr Niederlagen erleidet als er Siege erleben darf; und dann das wunderlichste aller Lebewesen: die Frau. Nicht mehr ganz junge Kerle bekommen bei Boyle den Status des Ich-Ezählers: „Meine Laufbahn war ebenfalls ein bescheuerter Witz. Ich war auf dem absteigenden Ast. Ich hatte keine Chance.“

In diesem Kosmos sind die Gescheiterten wahrscheinlich nicht unglücklicher als die Glücklichen, nur wissen’s die Gescheiterten eben. Klingt bösartig, desillusionierend, aber das Leben bietet bei Boyle nur zwei Möglichkeiten: die Lebensgefahr oder den Kick zur Wiedergutmachung. Oder weiß einer genau, woher im nächsten Moment der Wind weht? T.C. Boyle weiß es. Deswegen ist die Kurzprosa dieses Springteufels so quecksilbrig. Dieser Autor bietet, verflucht nochmal, Aufregung sondergleichen.

T.C. Boyle: Zähne und Klauen. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube und Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2008. 320 S., 19, 90 €

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