Literatur : Stalins Schatten

Tom Rob Smiths intelligenter Polit-Thriller „Kolyma“

Kolja Mensing

Moskau, März 1956. Nach öffentlichen Berichten über die Verbrechen Stalins kommt es zu Racheakten an Mitarbeitern des Geheimdienstes. Auch Leo Demidow, der als Offizier des MGB viele Menschen gequält und in den Tod getrieben hat, wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Seine Tochter gerät in die Hände von Entführern, und um sie zurückzubekommen, soll er eines seiner Opfer aus dem berüchtigten Gulag 57 am Fluss Kolyma befreien. Ein guter Auftakt für einen historischen Kriminalroman: Der verdiente Tschekist begibt sich als Gefangener getarnt in eines der schlimmsten sibirischen Straflager.

Demidow ist ein alter Bekannter. In seinem Debüt „Kind 44“ beschrieb ihn Tom Rob Smith als stalinistischen Folterknecht, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt. „Kolyma“ setzt diese Entwicklung konsequent fort. Seit seiner Entlassung aus dem Geheimdienst leidet Demidow unter Gewissensbissen und Albträumen, die in Sibirien zur Wirklichkeit werden. Die Gefangenen des Gulag erkennen in ihm einen ihrer ehemaligen Peiniger und unterziehen Demidow nachts in der Baracke den gleichen Foltermethoden, die er selbst so oft angewandt hat.

„Kolyma“ ist kein versöhnliches Buch, obwohl die Handlung in jenem Jahr angesiedelt ist, das in Bezug auf die sowjetische Geschichte meist positiv bewertet wird. Smith stellt sich mit seinem gründlich recherchierten Thriller gegen den Mythos der „Entstalinisierung“: Demidow erfährt am eigenen Leib, dass das System der Gulags weiterexistiert. Er erkennt nach einer atemberaubenden Flucht, dass Chruschtschows Abrechnung mit Stalin auf dem berühmten 20. Parteitag der KPdSU vor allem Kalkül war – ein politisches Manöver, bei dem sich der neue, vermeintlich reformfreudige Generalsekretär an die Methoden seines Vorgängers hielt: „In vielerlei Hinsicht ist es die gute alte Denunziationsmasche“, sagt in „Kolyma“ ein Beamter des Innenministerium: „Stalin ist schlecht, deshalb bin ich gut.“

Auch die Entführung von Demidows Tochter ist nur Teil eines Machtspiels, und so ist Smith ein weiterer intelligenter Polit-Thriller im historischen Gewand gelungen. Gekonnt schneidet der 1979 geborene Brite Verschwörungstheorien, rasante Action und Geschichtslektionen aneinander. Ihm gelingt sogar noch, das symbolkräftige Scheitern des ungarischen Volksaufstandes unterzubringen. Einen Tag nach dem Sturz der gewaltigen Stalin-Statue im Heldenpark von Budapest rollen die Panzer der Roten Armee durch die Stadt. Auch Demidow ist dabei. Auf der falschen Seite. Kolja Mensing

Tom Rob Smith:

Kolyma. Roman. Aus dem Englischen von Armin Gontermann. DuMont, Köln 2009. 475 Seiten, 19,95 €.

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