Standpunkt : Junge Literatur in der Krise?

Was ist los mit der jungen, deutschsprachigen Literatur? Noch vor wenigen Jahren schien ein Bestseller den nächsten zu jagen. Die Debütromane von heute liegen schwer in den Regalen - wenn sie überhaupt in die Buchhandlung gelangen. Ein Erklärungsversuch.

Alexander Simon

Der deutschsprachigen Literatur geht es nicht gut. Behaupten die Verlage. Und die Autoren. Und die Agenturen. Die Buchhändler sowieso. Also eigentlich alle. Die Verlage klagen über einen desaströsen Absatz: Selbst große Häuser verkaufen von deutschsprachigen Romanen inzwischen oft deutlich weniger als 1000 Exemplare. Autoren und Agenten wiederum klagen über mangelnden Verlegermut. Wenn dem auf Verlagsseite Kosten von durchschnittlich 30 000 Euro gegenüberstehen, darf das mal passieren. Schon beim zweiten Mal aber werden die Controller ungehalten, und beim dritten Mal wird die Notbremse gezogen.

Schauen wir ein paar Jahre zurück. In der deutschen Verlagslandschaft herrschte in Bezug auf die einheimische Literatur Goldgräberstimmung. Astronomische Vorschüsse von damals 30.000 Mark für schwer lesbare Autoren waren gang und gäbe, nicht selten mehr. Das Geld schien auf der Straße zu liegen. Die Feuilletons jubelten mit – nicht selten auch das Fernsehen. Ökonomisch betrachtet, war die Zeit um die Jahrtausendwende reiner Irrsinn. Kaum ein Vorschuss wurde wieder eingespielt, manch hoffnungsvoll gestartete Autorin verschwand schnell wieder von der Bildfläche. Was war geschehen? Verkaufte sich die hiesige Literatur tatsächlich so viel besser als noch kurz zuvor, da ein „normaler“ Autor nicht auf einen Vorschuss jenseits der 5000 Mark hoffen durfte? Sie tat es, von Ausnahmen abgesehen, nicht. Und diese Ausnahmen hat es immer gegeben.

Auf einmal galt der von der Kritik so oft vorgetragene Vorwurf mangelnder Welthaltigkeit nicht mehr. Hatte die deutschsprachige Literatur über Nacht zu jenem Erzählstil gefunden, den der hiesige Leser an der angelsächsischen Literatur so schätzt, kurz: War sie welthaltiger geworden? Gab es dank des Überraschungserfolgs von Judith Herrmanns Erzählungsband „Sommerhaus, später“ tatsächlich das sogenannte „Fräuleinwunder“? Wohl kaum. Die deutschsprachige Literatur wurde lediglich anders propagiert und dadurch anders wahrgenommen.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Internet binnen weniger Jahre Gräben zwischen den Generationen gezogen hat, und vielen Jugendlichen (und nicht nur denen), die mit und in der Bildschirmwelt groß geworden sind, schlicht der Atem fehlt, sich auf Literatur einzulassen. Wie sollen geistige Kurzstreckensprinter noch Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder Uwe Tellkamps fast tausendseitigen Wenderoman „Der Turm“ genießen können? Noch bis vor wenigen Jahren herrschte in vielen Verlagen die Meinung, es reiche, gute Bücher zu machen, verkaufen würden sie sich von alleine. Eine Haltung, die sich als fataler Irrtum entpuppte. Unvergessen bleibt mir die Aussage eines Verlagsleiters, bei ihnen flösse jeder Pfennig ins Buch. Welche Hybris! Die Einsicht, dass sich ohne Marketing und einen guten Vertrieb auch das beste Buch nur schwer verkaufen lässt, setzte sich nur langsam durch. Auf das einzelne Buch abgestimmte Maßnahmen können aus ökonomischen Gründen aber nur sehr wenigen Titeln zuteil werden. Darüber hinaus verwirrt eine Flut von 80 000 Neuerscheinungen pro Jahr den Leser mehr, als dass ihm die Vielfalt etwas bieten würde. Und während die Verlage hoffen, mit einer Erwähnung in Elke Heidenreichs Sendung „Lesen!“ eine Art Lottogewinn zu machen, wissen sie zugleich, dass sie selbst mit Orientierungshilfen dazu beitragen müssen, den Leser zurück zu gewinnen. Veranstaltungen wie der Deutsche Buchpreis stellen einen solchen Versuch dar. Auch der Preis der Leipziger Buchmesse zeigt Wirkung.

Es gibt ein weiteres gravierendes Problem, dessen Ursache wohl in erster Linie bei den Verlagen und Buchhandlungen zu suchen ist: die unselige Trennung zwischen „E“- und „U“-Literatur. Ich halte sie deshalb für unselig, weil damit Texte durchs Raster fallen, die Verlage weder als das eine noch das andere klassifizieren können. Was „E“ und was „U“ ist, sollte man getrost dem Leser und den Kritikern überlassen. Traut man dem Buchkäufer und Leser wirklich so wenig zu? Am Ende stehen Autoren und Verlage immer vor derselben Frage: Was will der Leser lesen? Und wie erreicht man ihn? Will ich es überhaupt darauf anlegen, ein breites Publikum zu erreichen?

Ein beträchtlicher Teil der Weltliteratur hat es nie darauf angelegt, eine größtmögliche Anzahl von Lesern zu finden. Das war und ist gut so, entstehen aus der experimentelleren Literatur doch nicht selten Strömungen für nachfolgende Generationen, die sich dann auch wieder dem Erzählerischen stärker zuwenden.

Der Vertrieb und die Buchhandels-Filialisten interessieren sich natürlich eher für diese Seite der Produktion. Denn beiden geht es einzig darum, den Buchabsatz zu steigern. Für das Funktionieren eines Titels gibt es jedoch keine ehernen Gesetze. Eines aber kristallisiert sich heraus und wird von so manchem Verlag mit mehr und mehr Erfolg betrieben: Die Verlage und Buchhandlungen müssen den einzelnen Leser an die Autoren heranführen, der persönliche Kontakt mit dem Autor ist so wichtig wie noch nie.

Alexander Simon ist Gründer und Geschäftsführer der Literarischen Agentur Simon in Berlin. Zusammen mit vier Mitarbeitern vertritt er seit 1999 deutschsprachige und internationale Autoren aller Genres -unter anderem Katharina Hacker, Murat Kurnaz, Najem Wali und William T. Vollmann.


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