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Stefan-George-Biografie : Wer die Flamme je umschritt

09.09.2007 00:00 UhrVon Norbert Hummelt
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Meister und Schüler. Stefan George und die Gebrüder Claus und Berthold von Stauffenberg. - Foto: Keystone

Dichtkunst und Leben in Engführung: Thomas Karlaufs große Stefan-George-Biografie. Hätte George schon ein Coming-out haben können?

Des sehers wort ist wenigen gemeinsam: / Schon als die ersten kühnen wünsche kamen / In einem seltnen reiche ernst und einsam / Erfand er für die dinge eigne namen –

Des Sehers Wort war wenigen gemeinsam – ziemlich wenigen, um genau zu sein: Stefan Georges erster Gedichtband „Hymnen“, von dem er 1890 im Selbstverlag 100 Exemplare drucken ließ, ging nur ein einziges Mal über den Ladentisch. Auch mit den folgenden Bänden war es kaum besser. Mal in Berlin, mal in Bingen am heimischen Nahekai, wo er als Kind im „Schilfpalast“ am Flussufer gespielt hatte, sann der junge Dichter darüber nach, ob diese Misere nicht zu ändern wäre.

Und so erfand der Mittzwanziger eigene Strategien, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ende 1895 teilte er dem holländischen Freund Albert Verwey mit, er sei im Frühjahr nach Brüssel und Paris eingeladen, um dort über deutsche Dichtung zu sprechen. Verwey schlug wie erhofft vor, ob er dabei nicht einen Umweg über Holland machen könne – und mit diesem Termin in der Tasche wandte sich George nun an Freunde in Brüssel und Paris, ob er nicht auch dort hinkommen könne, wo er doch schon mal in Holland auf Lesereise sei. So kam eine kleine Tour zustande, die dazu beitrug, den Namen Stefan George in künstlerischen Kreisen zu lancieren, und bis zu seinem Durchbruch in den Berliner Salons dauerte es nur noch ein paar Monate.

Die Schilderung der Raffinessen, mit denen sich der Nachwuchslyriker selber protegierte, gehört zu den vielen schönen Fundstücken, die Thomas Karlaufs große Biografie Stefan Georges zu bieten hat. In einem leicht gehaltenen Ton führt Karlauf durch Orte und Zeiten eines Lebenslaufs, der ein hochkarätiges poetisches Werk und eine über Jahrzehnte wirkende Befangenheit hinterlassen hat. Frei zu sprechen schien lange unmöglich: Auf tonangebender Seite häuften sich die Analysen, die in Georges nach 1900 entstandenem Kreis eine Sekte und in deren Schriften eine Vorbereitung nationalsozialistischer Geisteshaltung sahen. Auf der anderen Seite stand die Erinnerungsliteratur derer, die George kannten und die Aussprüche und Taten ihres Meisters andächtig weitergaben, ohne sich ein Urteil zu erlauben. Karlauf hält nicht nur zwischen diesen beiden Lagern eine kluge Mitte, er stellt sich ebenso klug vermittelnd zwischen die Lebenswelt des Biografierten und das heutige Publikum.

Dass nun ein neues Gespräch über George entsteht, ist Karlaufs Verdienst, und man darf hoffen, dass sich neue Leser für die Gedichte finden, auch unter Lyrikern. Der schwebende Ton, den Georges formstrenge Gebilde erzeugen, kann heute noch faszinieren, vorausgesetzt, man findet offene Ohren. Doch es ist nicht leicht, über George zu reden, und das Schweigen, das einem begegnet, wenn man ihn erwähnt, ist schwer einzuordnen: Liegt es am Pathos oder an der Knabenliebe, am Sekten- oder Naziverdacht oder schlicht in Unkenntnis begründet? Der 2005 verstorbene Dichter Thomas Kling, zufällig auch in Bingen geboren, war einer der wenigen, mit dem man gut über George reden konnte. Die Leküre des älteren Dichters lässt sich im Werk des jüngeren ablesen. Auch Georges Lästern über die „schmierige Personage“ Rudolf Borchardts, die man „an die Wand bappe“ könne, findet sich in Klings letztem Buch, wo sie noch weit genüsslicher geschildert wird als in Karlaufs neutraler Erzählung.

Das Humorige braucht man, um dem Dämonischen begegnen zu können. Was an Stefan George so gefährlich und so faszinierend war, wird nirgends so dicht und klar gesagt wie in Hofmannsthals Gedicht „Der Prophet“: Von seinen Worten, den unscheinbar leisen / Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen / Er macht die leere Luft beengend kreisen / Und er kann töten, ohne zu berühren.

Es ist einleuchtend, dass Karlauf die Zeit um Neujahr 1892, während der sich George in Wien vergeblich um Hofmannsthals Freundschaft bemühte und darüber einen seelischen Zusammenbruch erlitt, als Schlüssel wählt: Das ganze Drama eines Menschen scheint darin auf – die Neigung zu jüngeren Männern, das Besitzergreifende und die Selbstgefährdung, die unbedingte Sehnsucht nach einem Zwilling. Doch George war für Hofmannsthal nur „einer, der vorübergeht“, und mit dieser Rolle wollte er sich nie mehr abfinden: „Wer je die flamme umschritt / bleibe der flamme trabant“, schreibt er im „Stern des Bundes“ den jungen Männern ins Stammbuch, die ihn aus freien Stücken umschwärmten.

Karlauf schildert ausgehend von jener Urkatastrophe den Lebenslauf Georges, ohne ständig zu deuten. Er legt Deutungen lediglich nahe durch Aufbereitung des reichen Quellenmaterials, und das hat Vor- und Nachteile. Zum einen wird es so erstmals möglich, einigermaßen lässig das Liebesleben des Meisters nachzulesen, ohne vor lauter Verschwiegenem rote Ohren zu bekommen. Dass der Zyklus „Gezeiten“ aus dem „Siebenten Ring“ sich ganz den schönen Wochen mit Friedrich Gundolf in Italien verdankt, war so unverblümt noch nie gesagt worden. Auch von der späteren ménage à trois in ständig wechselnden Wohnungen mit Max Kommerell und Johann Anton wird so freimütig erzählt, als zögen die drei bald schon in der „Lindenstraße“ ein. Indem Karlauf das Tabuisierte einer fernen Zeit in flockige Anglizismen übersetzt und mal vom „Cruisen“ in Berlin erzählt und ein andermal meint, der „Kosmiker“ Alfred Schuler habe von George etwas so Profanes wie ein Coming-out erwartet, verkürzt er unzulässig die historische Distanz: Schließlich hat man noch nie davon gehört, dass beim CSD die antiken Götter wiederkehren sollen, und das ist gut so.

Schwerer wiegt die Vernachlässigung des Dichters George, die Karlauf durch die deutliche Konzentration auf den Homophilen in Kauf nimmt. Es ist erlaubt und führt zu vielen wichtigen Einsichten, die Gedichte mit der Biografie engzuführen. Dass Karlauf die Gedichte auf den Quellenstatus reduziert, ist fatal. Wenn er, selten genug, lyrische Vorlieben zu erkennen gibt, hält er sich ganz und gar an die Vorlieben, die Adorno schon vor 40 Jahren bekundete, also an die melancholischen, zarten Gebilde, die sich vor allem im Frühwerk und dann wieder in den späten „Liedern“ finden.

Dem kann man beipflichten, originell ist es nicht. Leider erfährt man rein nichts über den Kult des Hersagens und des Abschreibens der Gedichte, die als Formen der Verinnerlichung des dichterischen Worts in Robert Boehringers „Das Leben von Gedichten“ beschrieben werden und für die Lehre, die Stefan George seinen Jüngern mitgab, vielleicht doch nicht weniger wichtig waren als das rechte Bereiten des Nachmittagstees nach dem zarten Wecken des Meisters, das Karlauf versonnen schildert, als sei er dabei gewesen.

Vor allem verkennt Karlauf, wie stark bei einem Dichter das Ringen um die Fortsetzung des Schreibens zum bestimmenden Faktor wird, dem sich das Leben unterordnen muss – auch das erotische. War nicht die Werbung um Hofmannsthal ein Versuch, die Schaffenskrise nach dem „Algabal“ zu überwinden? Waren die Jahre mit Ida Coblenz nicht deswegen so wichtig, weil sie die produktivste Zeit seines Lebens waren? Musste nicht Maximilian Kronberger zum Gott erklärt werden, damit der Dichter nach der „Kosmiker“-Krise nicht unterging? Liest sich nicht Georges Vita wie eine Künstlernovelle von Thomas Mann, den Karlauf in seinem Nachwort zur stillen Gegenfigur erklärt, obwohl er ihn nur am Rande auftreten lässt?

Karlauf hat sich für das Leben und gegen die Kunst entschieden, und warum ihm mehr daran gelegen ist, die menschlichen Verhältnisse aufzudecken, als von ihnen aus die Dichtung zu betrachten, lässt sich nur erahnen. Er arbeitete zehn Jahre in Amsterdam bei der Zeitschrift „Castrum Peregrini“, die über Percy Gothein und den Exilanten Wolfgang Frommel aus dem George-Kreis hervorgegangen ist. Im Haus an der Herengracht 401 versteckten sich seit 1942 deutsch-jüdische Internatsschüler vor den Nazis und hielten sich, angeleitet von Frommel, an den „Stern des Bundes“, was als Spätfolge George’scher Erziehung ebenso bedenkenswert ist wie die Tat des George-Jüngers Stauffenberg vom 20. Juli 1944, mit der Karlauf sein Buch ausklingen lässt; übrigens ohne dabei auf die Schlüsselwirkung der George-Gedichte „Der Antichrist“ und „Der Täter“ einzugehen – als sei dieser Teil der Story jedermann bekannt. Wahrscheinlich kennt nicht einmal Tom Cruise diese Gedichte. Aber auf die Gedichte kommt es an: Man kann sie finden, in der zweibändigen Taschenbuchausgabe bei dtv, schöner in den alten BondiAusgaben in den Antiquariaten. Der totgesagte Park lädt noch zum Schauen ein.

Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Karl Blessing Verlag, München 2007. 816 S., 29,95 €.

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