Literatur : Stille Tage in der Turnhalle

Michael Roes erweckt den Phädra-Mythos zu neuem Leben

Andreas Resch

Im Gegensatz zur Geschwisterliebe stellt das sexuelle Begehren zwischen Mutter und Sohn in der griechischen Mythologie so etwas wie den ultimativen Tabubruch dar. Anders als im Ödipus-Mythos, in dem der Inzest zwischen Ödipus und seiner Mutter Iokaste tatsächlich vollzogen wird, erzählt die Geschichte von Phädra und Hippolytos von den fürchterlichen Auswirkungen versagten Begehrens. Die Gattin des Theseus wird von der Göttin Aphrodite mit einem Bann belegt, woraufhin sie sich in ihren Stiefsohn verliebt. Doch die Liebe bleibt unerwidert und das Ganze endet, wie antike Stoffe zumeist enden: mit Mord und Totschlag. Von Euripides, der die Geschichte in seinem „Hippolytos“ erstmals dramatisch bearbeitet hat, über Seneca, Racine bis hin zu Sarah Kane ist dieser verhängnisvolle Beinahe-Inzest bis in die Gegenwart hinein immer wieder aktualisiert worden und wer alldem noch etwas hinzufügen möchte, sollte sich schon etwas grundlegend Neues einfallen lassen.

Der 1960 in Rhede geborene Filmemacher, Lyriker, Essayist und Romancier Michael Roes hat seine Phädra-Variation „Ich weiß nicht mehr die Nacht“ in die niederrheinische Provinz verlegt. Nicht mehr göttliche Willkür ist es, der seine Protagonisten ausgeliefert sind, sondern die Unfähigkeit, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Zu sehr sind seine dem proletarischen Milieu entstammenden Figuren Opfer ihrer Triebe, zu sehr sind sie einem grotesken Körperkult verfallen. Sexualität funktioniert hier nur noch als Gebrauchsrecht des Stärkeren. Mit tatsächlichem Begehren oder gar Liebe hat das – abgesehen von der tragisch endenden Phädrafigur – nur noch wenig gemein.

Die heißt Anna und leitet eine Boutique, in der reiche Frauen teure Kleider kaufen können, um ihre alternden Ehemänner oder jungenhaften Liebhaber zu bezirzen. Derweil droht Anna selbst an ihrem eigenen Verblühen zugrunde zu gehen. Ihre Ehe mit einem griechischen Gebrauchtwagenhändler und Kleinkriminellen existiert nur noch auf dem Papier. Einzig aus der Liebe zu ihrem Stiefsohn Stefanos schöpft sie Lebenskraft.

Der 17-Jährige verbringt seine Tage in einer stickigen Turnhalle, wo er für eine ungewisse Zukunft als Turner trainiert. Nachts arbeitet er als Barkeeper und beobachtet schweigend seine Gäste. Obwohl durchaus sensibel und belesen, gibt es auch für Stefanos kein Entrinnen aus dieser düsteren Kleinstadt-Vorhölle, weshalb er sich, so oft es geht, in ferne Traumwelten hineinfantasiert: „Stille erfüllt den Affenbrothain, legt sich schwer auf meine Lider. Da nähert sich eine Gruppe von Männern, nackt und schwarz wie das Mädchen, aber den ganzen Körper mit weißer Asche bestäubt, als hätten sie sich verschwitzt in einem Trog voller Mehl gewälzt“.

Michael Roes setzt mehr auf Verfremdung denn auf Identifikation, und so verwundert es nicht, dass seiner Arbeit am Mythos etwas zutiefst Artifizielles anhaftet. Kapitelweise springt die Erzählperspektive zwischen den Figuren hin und her, alles ein einziger nicht enden wollender Bewusstseinsstrom. Allerdings erweist es sich als störend, dass sämtliche Charaktere auf ein und dieselbe Weise monologisieren – als hätte sie der Autor einzig und allein erschaffen, um sie wie Hohlformen mit eigenem Denken auszugießen.

Hinzu kommt, dass – anders als in Roes’ vorherigem Roman „Weg nach Timimoun“, in dem der Autor die Orestie nach Algerien verlegt hat – die vielen Anspielungen an antike, biblische, afrikanische oder angelsächsische Mythen ins Leere laufen. Da mögen sich die Figuren noch so oft an Herakles, Skylla und Charybdis, Abraham oder Beowulf erinnert fühlen: Meist wirken diese Vergleiche aufgepfropft, da sie nicht dazu beitragen, die Motive der Romanfiguren besser verstehen zu können.

Während der Lektüre fühlt man sich bisweilen an Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ erinnert – ein Roman, dem gelingt, woran sich Michael Roes lediglich versucht: nämlich eine triste Lebenswelt in olympische Sphären zu transponieren. Während Koeppens Buch die Beziehungsgeflechte tatsächlich in sich aufgenommen hat, begnügt sich Michael Roes damit, sie zu benennen. Immerhin muss man dem Roman zugute halten, dass er auf hohem Niveau scheitert. Jene Passagen, die ohne bedeutungsschwere Parallelisierungen auskommen, belegen dies. Plötzlich fühlt man sich tatsächlich in den Kopf eines anderen hineingezogen, plötzlich beschleunigen sich die Gedanken und werden im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet. In solchen Momenten ist zu erkennen, über welch außergewöhnliches Sprachgefühl Michael Roes verfügt.

Michael Roes: Ich weiß nicht mehr die Nacht. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2008. 226 S., 18,90 €.

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